Unseren Gästen aus New York möchte ich eine Geschichte erzählen, die nicht in ihrer Zeitung stand. Es ist die Geschichte vom Niedergang einer Zivilisation, und erlebt hat sie ein Achtjähriger. Dieser Junge wachte eines Morgens auf, und das Gotteshaus, dessen Vorsteher sein Vater war, lag in Trümmern. Ein Mob war in der Nacht eingedrungen und hatte den gesamten Innenraum und alle Heiligtümer zerstört. Nur durch Glück war das Feuer nicht bis zur Wohnung der Familie im zweiten Stock gedrungen.

Als der Achtjährige am Morgen nach dem Angriff aus dem Fenster sieht, sind die Frauen und Männer der Gemeinde schon dabei, die Spuren der Nacht zu beseitigen, zerstörte Bänke und Tische hinauszuschaffen. Draußen auf der Straße haben sich Pöbler zusammengerottet. Sie beschimpfen und bespucken die Aufräumenden. Etwas abseits sieht der Junge zwei Polizisten stehen, die interessiert zuschauen, aber keine Hand rühren.

Plötzlich taucht aus der Menge ein vertrautes Gesicht auf – der Milchmann. Völlig unbeeindruckt bahnt er sich seinen Weg durch die Menge, durchs Tor hinein, die Stufen hoch zur Familienwohnung. Dort stellt er – wie jeden Morgen – die Milch ab, macht kehrt und verschwindet genauso ungerührt wieder in der Menge, wie er gekommen war.

Was sollte der Junge mit alldem anfangen? Ein böser Albtraum mitten in der Normalität, die doch weiterging, so wie der Milchmann wiederkam, am nächsten Tag und auch am übernächsten? Der Junge hatte von den wachsenden Übergriffen der letzten Jahre wenig mitbekommen. Sein Alltag spielte sich hinter den Mauern des Gotteshauses ab, eine behütete Lebenswelt, in der Gelehrte, Theologen, Philosophen ein und aus gingen – eine "intellektuelle Echokammer", wie man heute vielleicht sagen würde.

Der achtjährige Walter Jacob wusste nicht, was um ihn herum geschah. Doch zum Glück wussten seine Eltern es besser. Denn sie waren Leser der New York Times. Sie wussten an diesem Morgen des 10. November 1938, dass dies kein Einzelfall war. Immer wieder, seit der Machtergreifung, hatte die New York Times berichtet, von Boykotten, Schikanen und Gewalt gegen deutsche Juden – und sie berichtete weiter, obwohl, wie Joseph Goebbels in seinem Tagebuch notiert, er ihren "verleumderischen Auslandsjournalisten" wieder und wieder mit Ausweisung drohte. Unmittelbar nach der Pogromnacht, in der Ausgabe vom 10. November, lesen Walters Eltern von Plünderungen jüdischer Geschäfte in der Leipziger Straße und Friedrichstraße in Berlin. Und zwei Tage später, am 12. November, wertet die Zeitung den "Tag des Nazi-Terrors" als "Bedrohung für die gesamte Zivilisation".

Nein, die Normalität würde nicht wiederkehren. Das ahnen die Jacobs nach all den Berichten aus dieser fast letzten glaubwürdigen Quelle, der New York Times. Die Rabbinerfamilie beschließt, ihre Heimat zu verlassen. Noch am Ende desselben Jahres 1938 reisen die Jacobs zu ihren Verwandten nach London. Am Neujahrstag des Jahres 1940 erreichen sie endlich, gemeinsam mit 17 weiteren Augsburger Juden, New York City. Das Einleben – so erzählte mir Walter Jacob lachend – fiel seinen Eltern gar nicht schwer. Denn sie hatten doch schon jahrelang die örtliche Zeitung studiert.

Walter Jacob ist heute 87 Jahre alt, lebt in Pittsburgh und ist Rabbiner der dortigen Gemeinde Rodef Shalom. Er schreibt weiterhin Bücher, wie sein Vater es in Augsburg tat, und er liest immer noch jeden Tag die New York Times.

Und heute – Sie werden es nicht glauben – ist er mitgekommen in die Heimatstadt seiner Ehefrau, nach Hamburg, und er ist mitten unter uns: Herzlich willkommen, lieber Walter Jacob – wie schön, dass Sie bei uns sind!

Wir ehren heute eine Autorität der Aufklärung – die Gray Lady, die New York Times. Wir ehren einen Leuchtturm der Vernunft in einem Zeitalter grassierender Unvernunft. Wir ehren ein Flaggschiff der Pressefreiheit in einer Zeit, in der Denis Yücel und Hunderte Journalisten in der Türkei im Gefängnis sitzen, in der in Russland unabhängige Zeitungen zu ausländischen Agenten erklärt werden und in der selbst in westlichen Demokratien der Sinn und Wert der freien Presse infrage gestellt wird – und sei es nur mal nebenbei per Tweet am frühen Morgen. Ich danke Matthias Naß und der Jury für die Einladung zu dieser Laudatio, die ich wirklich gern und aus voller Überzeugung angenommen habe.