Wie eine Modelleisenbahn, nur kopfüber, zieht sich eine metallische Schiene unter dem Gewölbe des Nobel-Museums entlang. Im Eingangsbereich beschreibt sie eine 180-Grad-Kurve und verläuft zurück ins Innere. Statt Waggons führt sie schwarze Klammern, an denen laminierte Blätter hängen. Vielleicht haben hier die Kuratoren vor der schieren Menge kapituliert, vielleicht wollten sie der Unüberschaubarkeit Tribut zollen: Jedes Blatt zeigt die knappe Beschreibung und das Schwarz-Weiß-Foto eines Nobelpreisträgers. Exakt 923 Blätter drehten sich dort bisher, nun reihen sich zwölf weitere in das endlose Steckbrief-Karussell ein. Sechs Stunden dauert es, bis alle eine einzige Runde gedreht haben. Ob es nun 923 Nobelpreisträger sind oder 935, was macht das für einen Unterschied? Diese Gemahnung zur Demut – sie ist eher untypisch für diesen Ort, für diesen Preis und für diese Woche.

Denn die erste Dezemberwoche ist in Stockholm nobelveckan , die Nobelwoche, und damit ein einziger Rummel aus Ehrwürdigkeit, Repräsentation und Geniekult. Die Orte und Stationen dieser Woche, die am kommenden Sonntag (nobeldag) ihren Höhepunkt findet, verraten viel über den weltweit einflussreichsten Wissenschaftspreis und darüber, weshalb er in der Kritik steht.

Unter dem Gewölbe des Nobelmuseums und zum Geklacker der Steckbrief-Hängebahn ging der Trubel am Mittwoch los. Die frühere Wertpapierbörse in der Stockholmer Altstadt beherbergt eine Sammlung von Erinnerungsgegenständen früherer Laureaten: Alexander Fleming hinterließ seine Penizillin-Petrischale von 1928; Charles Townes stiftete die Parkbank, auf der er 1951 die entscheidende Mikrowellen-Idee hatte; Barry Marshall brachte das Fläschchen, aus dem er 1984 trank, um sich selbst mit dem Magenkeim Helicobacter pylori zu infizieren. Von jedem Neuen wird eine solche Gabe erwartet, ehrfürchtig "Artefakt" genannt, und jeder kann mit der Auswahl seinen Mythos kultivieren.

Dem Mythos des Dynamit-Erfinders und Industriellen Alfred Nobel ist jener Film gewidmet, der hier den Laureaten zur Einstimmung vorgeführt wird. Danach gibt es Lunch. Gebrochen wird die museale Feierlichkeit durch eine Unsitte, die ausgerechnet ein Nicht-Preisträger einführte: Bei einem Besuch im Jahr 2001 hatte Bill Clinton sich einen der schwarzen Bistrostühle im Museumscafé geschnappt und mit weißem Lackstift die Unterseite der Sitzfläche signiert. Herrgottchen, wie crazy! Mittlerweile gehört ein Möbel-Autogramm fest zum Ablauf.

Wie sinnfällig dieses scheinbar alberne Ritual ist, erkennt, wer es aus der Perspektive der Signierenden betrachtet: Ab jetzt ist jede Kritzelei von dir etwas Besonderes! Schon oft ist die Überhöhung kritisiert worden, für welche die Nobelpreise stehen. Als könnten auch die kompetentesten Komitees ernsthaft entscheiden, welcher Nominierte auf seinem jeweiligen Feld "der Menschheit den größten Nutzen geleistet" hat. Darin zumindest eine Anmaßung zu erkennen ist nicht schwer.

Im Jahr 1901 waren die Preise zum ersten Mal verliehen worden, fünf Jahre nach Alfred Nobels Tod am 10. Dezember 1896. Der gebürtige Schwede und rastlose Kosmopolit, der 94 Prozent seines märchenhaften Vermögens für jene Preise hinterließ, die er in seinem vierseitigen Testament auf lediglich zwölf Zeilen skizziert hatte, war im italienischen San Remo gestorben. Gelebt hatte er in Paris und St. Petersburg, kurz auch in Hamburg. Bestimmt hatte er nur den Ort, an dem der Friedenspreis verliehen werden solle, nämlich Oslo. Aber wo sollten die Laureaten in Literatur und jene in Chemie, Physik und Medizin (korrekt: in "Physiologie oder Medizin") geehrt werden? Nobels Zeitgenossen waren hellsichtig genug, um zu verstehen, wie viel Prestige an dieser Zeremonie hing. Lange schien nicht etwa Stockholm gesetzt zu sein, sondern Paris. Bis ein findiger Anwalt argumentierte, sein letztes Haus habe der Stifter in Värmland gekauft und seine Pferde stünden in einem schwedischen Stall. Klingt windig, aber es wirkte. Und bis heute profitiert die selbst ernannte "Hauptstadt Skandinaviens" davon. "Die Marke Nobel verleiht der Marke Stockholm Stärke", sagt Thomas Andersson, Geschäftsführer der städtischen Tourismuszentrale. "Natürlich hilft es dabei, Investitionen, Talente, Kongresse und Besucher nach Stockholm zu ziehen." Eine Dezemberwoche liefert Stadtmarketing für ein ganzes Jahr.

Man kann das im Stadshuset beobachten, dem Stockholmer Rathaus am Ufer des Mälarsees, wenn Fremdenführer in perfektem Englisch voller nordischem Singsang die Imaginationskraft ausländischer Touristen kitzeln: "Stellen Sie sich einmal vor ..." Etwa, dass die Wände des Festsaals statt backsteinrot eigentlich blau sein sollten, weshalb der Saal blå hallen heißt. (Angemalt wurde er nie. Es reichte, dass der Architekt zehn Jahre lang davon gefaselt hatte.) Dass die Stufengröße der marmornen Freitreppe fürs würdevolle Herabschreiten optimiert wurde (inklusive heimlichem Fixpunkt in der gegenüberliegenden Wand für die richtige Kopfhaltung). Und dass auf dieser Fläche, nicht größer als das Fünftel eines Fußballfelds, am Abend des Nobelbanketts 1.300 Gäste in Frack und Abendkleid zusammengepfercht werden ... Möglich machen das lange Tafeln und Platzgeiz. Jeder Gast muss sich mit exakt 57 Zentimetern Tischbreite an der opulent eingedeckten Tafel begnügen – ausgenommen König Carl XVI. Gustaf, Königin Silvia und die Preisträger am langen Ehrentisch in der Saalmitte. "Denen gönnt man 62 Zentimeter."

Schon nachmittags treffen die Royals und die Nobels erstmals aufeinander, bei der eigentlichen Verleihungszeremonie im Konzerthaus am Stockholmer Heumarkt. Auf dem blauen Teppich im Inneren prangt das "N" der Nobelstiftung, den Hintergrund füllt mehr oder minder schmuckvoll die Orchester-Empore mit Orgelpfeifen aus. Dies ist die ikonischste Fotogelegenheit der Nobelwoche – das abendliche Festessen im Stadshuset aber ist die glamouröseste.