Ein glasklar-klirrender, sonniger Dezember-Mittag. Der Fahrkartenautomat am Bahnhof einer Thüringer Kleinstadt: Macht natürlich wieder mal nicht, was er soll. Ich wünsche mir einen von einem Menschen besetzten Service-Schalter. Aber den gibt es nicht, nicht am Wochenende und nicht an einem Ort dieser Größe, klar. Deshalb das Gerät mit Bargeld füttern: Scheine, Münzen, linksrum, rechtsrum, hintenherum, vornherum, gedreht, gewendet, poliert – vergebens. Einem störrischen Kleinkind gleich, spuckt es alles wieder aus.

Leicht resigniert zücke ich die EC-Karte und bemerke, dass ein unglücklicher Vor-mir-Reisender seine Karte im Gerät hat stecken lassen. Ich nehme das Fundstück an mich, kämpfe den Automaten nieder, bis er – nicht, ohne mir ein Dutzend weitere Entscheidungen abzuverlangen – endlich das ersehnte Ticket hergibt. Ich suche nach dem Inhaber des roten Kärtchens im Netz – um sie ihm zukommen zu lassen und ihm etwas Beruhigung fürs Wochenende zu spenden.

Es stellt sich heraus, der Besitzer der Karte ist ein Pfarrer aus einem Dorf in der Nähe. Der liebe Gott hatte auch ihn vor die schwere Prüfung des "unpersönlichen Fahrkartenkaufs" gestellt. Noch bevor ich darüber nachdenken kann, ob es sich vielleicht um eine Prüfung für mich selbst handeln könnte oder ob sich einfach nur noch besonders Gläubige in die Hände der Deutschen Bahn begeben, haben wir einander nach ein paar gescheiterten Telefonversuchen und zwei E-Mails endlich an der nicht mehr existierenden Strippe. Und telefonieren eine Stunde lang.

Unterhaltsam und fein ist das Gespräch. Gott und die Welt finden überhaupt keine Erwähnung. Wohl aber die Erinnerung an eine Schulzeit, die er – wie sich rasch herausstellt – vor einem halben Jahrhundert an einer Schule in der Nähe meiner Wohnung in Leipzig verbracht hat. Er erzählt mir von den runden Löchern in den Schulbänken, in denen die Tintenbecher standen, die vom Hausmeister mit einer Kanne befüllt wurden. Es geht auch um seine Gemeindemitglieder, seine "Schäfchen", wie ich sie nenne.

Dann reden wir über die Erfahrungen mit Menschen, die gerne über "die da oben" klagen und mangels anderer Perspektive eine nicht näher bestimmbare Mischung aus Enttäuschung, Bitterkeit und Anspruchshaltung zu ihrem Lebenskonzept erkoren haben. Über solche, die sich in der Olympiade des Lebens tatsächlich niemals über einen der vorderen Plätze freuen durften. Und über die anderen – jene, die Old-School-Disziplinen wie Geduld und Demut aus den Augen verloren zu haben scheinen. Vielleicht auch, weil plötzlich überall Kernkompetenz-Trainer auftauchten und die Prioritäten anders setzten. Kurzum: Wir reden über Menschen, die man überall findet. Auch hier. Im Osten. Ob es hier tatsächlich mehr von ihnen gibt als anderswo, vermag mir auch mein fremder Pfarrer nicht zu sagen.

Über das Leben in Leipzig sprechen wir auch. Weil er es noch immer gut kennt. Seine Kinder und Enkel wohnen hier. Er mag die Stadt, ich kann von mir nichts anderes behaupten. Junge Menschen und künstlerisch Veranlagte schwören auf Leipzig, hier und da finden sie im Blutbild der Stadt noch eine gewisse Frei- und Verwegenheit. Auch ein paar Alteingesessene und viele Zugezogene mit günstiger Schufa-Einschätzung wirken nicht unfroh. Da, wo man Familie hat und noch ein leidliches Plus auf dem Konto, zeigt man sich bekanntlich oft zugänglich. Da ist man vielleicht mal mit dem Leitartikel der einzigen Tageszeitung von Leipzig unzufrieden. Oder mit der Gestaltung irgendeines öffentlichen Platzes. Oder mit der Partnerinnenwahl des Oberbürgermeisters. Aber das geht ja vorbei wie eine Erkältung. Ein bürgerliches Niesen nur. Normal.

Aber in Leipzig entstehen eben auch Parallelwelten, seit Jahren schon. Durch die Straßen schwanken Gestalten in tagelang getragenen Kapuzenpullovern, die mit einem Dosenbier am Vormittag und kostenfreiem WLAN mehr anfangen können als mit Lang Lang und Minze-Grünkern-Smoothies. Prekariöses, Tafelöses, Chrystalöses. Der öffentliche Raum in Innenstadtlagen kann diese Erscheinungen nicht mehr verbergen – all die gescheiterten Existenzen, die Restchen Mensch. Die Frauen, die fahrig rauchend ihre dreißig Minuten Mittagspause verbringen; mit sieben Farben im Haar und desillusionierten Gesichtern. Die Männer an ihrer Seite, die noch immer die Jeans zu tragen scheinen, die sie einst mit dem Begrüßungsgeld bezahlten. Menschen, die aussehen, als hätte ihnen lange keiner mehr mal über den Kopf gestreichelt. Als ob sie eine Kur brauchten. Nur wovon?

Trotz dieser Ratlosigkeit, die auch nach Ende des Telefonats mit dem wildfremden Pfarrer nicht weichen will, fühlte ich mich mit meinem Finderlohn mehr als beschenkt. Weil es schön und gleichermaßen so selten geworden ist, mit jemandem zu tun zu haben, der auf dem Tummelplatz der Zuversicht – trotz ungünstiger Faktenlage – rote Karten schlichtweg ignoriert. In jeder Hinsicht.