Im Finale erhöhen die Verhandler die Schlagzahl. Nach wie vor geben sich Volkspartei und Freiheitliche verschlossen und verraten nur spärliche Details, auf die sie sich bei ihren Koalitionsgesprächen einigen konnten. Vorläufig müssen eher Petitessen – etwa der Retrocharme, der die geplante Wiedereinführung der Schulnoten in den ersten drei Volksschulklassen mit sich bringt – genügen, um die öffentliche Diskussion in Schwung zu halten. Ein großer Wurf, der radikale Umbau des Staates, Leuchtturmprojekte für die lauthals angepriesene "Veränderung" – von alldem ist vorläufig nichts in Sicht. Zumindest nach außen hin sind die heiklen Fragen, die einen Strukturwandel einleiten könnten, weiterhin ungeklärt.

Ursprünglich hatte vor allem die Volkspartei gehofft, die Regierungsbildung noch rechtzeitig vor der Tagung des EU-Rates in der nächsten Woche unter Dach und Fach bringen zu können. Dann hätte Sebastian Kurz, kaum als Kanzler angelobt, bereits bei der Tagung des EU-Rates am 14. und 15. Dezember sein Debüt in der illustren Runde der europäischen Regierungschefs geben können. Die Idee schien bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe dann doch ein wenig zu ambitioniert zu sein. So dürfte wohl der derzeit noch amtierende Bundeskanzler Christian Kern eine Abschiedsvorstellung in Brüssel absolvieren, und sein junger Nachfolger wird sich bis zum nächsten Jahr gedulden müssen, bis auch er offiziell die oberste Ebene der europäischen Bühne betreten kann.

Dort wird er nicht nur auf ungeteilte Begeisterung stoßen. Immerhin führt er eine Regierungskoalition mit einer Partei an, die sich im Europaparlament mit deklarierten Gegnern der Union wie dem französischen Front National oder der deutschen AfD gemein macht und der mit Norbert Hofer vermutlich ein Minister angehören wird, der seinerzeit klammheimliche Genugtuung über das Brexit-Votum der Briten erkennen ließ.

Zwar hatte Kurz noch vor Beginn der Koalitionsverhandlungen gelobt, er werde eine proeuropäische Regierung bilden oder sie werde nicht sein, doch dass sich sein Koalitionspartner in den Verhandlungen zumindest die theoretische Möglichkeit für eine Volksabstimmung über einen österreichischen EU-Austritt offenlassen wollte, dürfte für einige flaue Gefühle bei den übrigen Mitgliedsstaaten der Union sorgen. Unter einer schwarz-blauen Regierung könnte sich Österreich neuerlich den Ruf erwerben, letztlich doch ein unsicherer Kantonist zu sein.

Ein freiheitlicher Innenminister würde als unberechenbares Risiko angesehen werden

Als Wolfgang Schüssel im Jahr 2000 seine erste Wenderegierung bildete, kam das noch einem europäischen Tabubruch gleich. Die übrigen Mitgliedsstaaten der Union belegten Österreich mit Sanktionen, weil Jörg Haiders Freiheitliche, die damals noch ziemlich einzigartige Pioniere des Rechtspopulismus waren, an der Regierung beteiligt wurden. Und heute? In den Brüsseler Institutionen herrscht Schweigen über das kommende Nachfolgeprojekt von Freiheitlichen und Volkspartei. Als der österreichische Kommissar Johannes Hahn vor wenigen Wochen gegenüber der ZEIT sagte: "Ich möchte in Bezug auf Österreich Entwarnung geben", hatte er gewiss nicht nur die allgemeine Öffentlichkeit im Blick, sondern auch seine Kollegen in der Kommission und in der hohen EU-Bürokratie. Es war eine Botschaft nach innen: "Macht euch keine Sorgen!"

Die Beamten im Berlaymont, dem Sitz der Kommission, wollen gerne glauben, dass aus dem schwarz-blauen Wien keine schlimmen Überraschungen für die EU zu erwarten sind. Auf ihren Tischen liegen schon genug großkalibrige Dossiers: Austrittsverhandlungen mit Großbritannien, Rechtsstaatsverfahren gegen die nationalkonservative polnische Regierung, Dauerclinch mit dem ungarischen Premierminister Viktor Orbán. Das alles ist für die Union von existenzieller Bedeutung. Ein möglicher Heimatschutzminister Heinz-Christian Strache in Wien wirkt da beinahe schon wie eine quantité négligeable, letztlich wirkungslose Sanktionen wie im Jahr 2000 kämen einem europäischen Politiker angesichts der zahlreichen Probleme, mit denen die Union konfrontiert ist, kaum mehr in den Sinn.

Trotzdem macht man sich durchaus Gedanken. "Natürlich", sagt ein Beamter der Kommission im Vertrauen, "sind wir gespannt darauf, was die neue Regierung in Wien tun wird." Immerhin ist die FPÖ ein Teil der populistischen Front, die während des zu Ende gehenden Jahres 2017 vielen überzeugten Europäern Angst und Schrecken einjagte. Heinz-Christian Strache sah man in einer Linie mit dem europafeindlichen Niederländer Geert Wilders und der Französin Marine Le Pen. Beiden hatte man 2017 durchaus zugetraut, ihre Parlaments- beziehungsweise Präsidentenwahl zu gewinnen. Dieses Ziel verfehlten die populistischen Herausforderer zwar, doch das Gefühl, im abgelaufenen Jahr gerade noch einmal davongekommen zu sein, sitzt vielen Beamten der EU tief in den Knochen. Auch wenn wenige sich äußern mögen, so ist in Brüssel doch mit Blick auf Wien eine gesteigerte Aufmerksamkeit zu spüren.

Viel wird im künftigen Verhältnis Österreichs zu den übrigen Unionsmitgliedern davon abhängen, wie die Posten im schwarz-blauen Kabinett verteilt werden. Speziell das Außen-, das Innen- und das Finanzressort gelten als sensible Positionen, auf denen man prononcierte Freiheitliche als unberechenbares Risiko ansehen und eine parteilose Expertin auf einer blauen Planstelle wie die immer wieder erwähnte Publizistin Karin Kneissl gerade noch hinnehmen würde. Seitdem Strache das Innenministerium für sich reklamierte und von einer Koalitionsbedingung sprach, gilt dieser Personalfrage besonderes Augenmerk. Wegen der seit vielen Jahren gehegten Beziehungen der Freiheitlichen zu Russland und den Unterstützern von Wladimir Putin wird befürchtet, mit einem Innenminister Strache – oder auch Norbert Hofer – könnte sich eine undichte Stelle im Informationsfluss des westlichen Sicherheitssystems auftun. Was bedeutet, dass man sensible Informationen, etwa im Zusammenhang mit der internationalen Terrorbekämpfung, Österreich künftig lieber vorenthalten würde, damit sie kein Freiheitlicher im Überschwang der Kameraderie in Moskau ausplaudert.

Ja, so hört man allenthalben, die ÖVP sei immer eine Euro-Partei gewesen; und, ja, Sebastian Kurz habe immer betont, dass er ein überzeugter Europäer sei. Doch dann folgt gleich ein "Aber". Und das führt mitten hinein in den Maschinenraum der Union. Dort wird immerzu nach Kräften gehandelt, gefeilscht und geschachert – wie könnte es anders sein bei 28 gleichberechtigten Mitgliedern, die sich vertraglich zum Konsens verpflichtet haben? Auch wenn die 28 so gut wie immer einen Kompromiss finden, so hat sich in den letzten Jahren entlang zweier Großthemen ein informelles inneres Machtgefüge herausgebildet: Euro und Migration.

Wo steht das Gespann Kurz/Strache in europäischen Fahnenfragen?

Wie wird sich die künftige österreichische Regierung in diesen Fragen verhalten? Wo ist sie einzuordnen? Wird sie sich in Fragen der Migration eher den Visegrád-Staaten anschließen, die eine harte Position vertreten? Damit rechnet man in Brüssel, immerhin hatte Sebastian Kurz als Außenminister Österreichs ein harte, klare Linie gefahren. "Ich habe die Balkanroute geschlossen" – das war lange Zeit der Markenkern von Kurz. Er werde, nimmt man an, den ungarischen Premier Viktor Orbán eher nicht kritisieren, weil der die Islamisierung des Abendlandes an die Wand malt. Aber wie weit reicht seine Sympathie für Orbán oder für den polnischen Nationalkonservativen Jarosław Kaczyiński? In Brüssel möchte man darauf gerne Antworten haben. Je früher, desto besser. Denn Kaczyiński wie Orbáns Politik sind für die EU eine zentrale Herausforderung. Beide betreiben die Aushöhlung des Rechtsstaates, beide attackieren das Wertefundament der Union. Wo steht das Gespann Kurz/Strache in dieser europäischen Fahnenfrage?

Ebenso will man in Brüssel wissen, welche Position die schwarz-blaue Regierung zu den anstehenden Euro-Reformen einnimmt. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat seine Vorstellungen vorgebracht, und er drängt und drängt.