Im Vorgarten von Paul Maars Elternhaus in Schweinfurt steht ein einsamer Apfelbaum, an dessen Zweige sich ein paar letzte verschrumpelte Früchte klammern. November, das ist zu spät im Jahr, um gutes Obst zu ernten. Das weiß auch Paul Maar, und doch hebt er einen Apfel vom Boden auf, beißt hinein und spuckt sofort wieder aus. "Ich verbinde nichts Gutes mit dieser Stadt", sagt er, "ich wollte hier immer weg."

Maar ist einer der bedeutendsten deutschen Kinderbuchautoren, am 13. Dezember wird er 80 Jahre alt. Seit 1968 schreibt er Bücher, mehr als 120 sind es inzwischen, viele davon hat er selbst illustriert. Berühmt wurde er 1973 mit dem Sams, einem respektlosen, kindlichen Wesen mit roten Haaren, Rüsselnase und blauen Punkten im Gesicht. Gerade ist das neunte und – wie Maar an diesem Tag mehrmals betonen wird – letzte Sams-Buch erschienen. Diese liebevoll überzeichnete Gestalt, die gern einen Taucheranzug trägt, Stuhlbeine isst und das Leben des schüchternen Herrn Taschenbier durcheinanderwirbelt, verbindet heute mehrere Generationen: Nach den Lesungen lassen sich Eltern ihre alten, zerfledderten Sams-Bücher signieren, während ihre Kinder dem Autor stolz die neuen Bände hinhalten.

Der große Erzähler, vor seinem Elternhaus in einer bürgerlichen Gegend im Schweinfurter Norden ist er auffällig still. Ein paar Fotos, okay, aber lange bleiben wolle er nicht.

Das wuchtige zweigeschossige Reihenendhaus aus den 1920er Jahren liegt leicht erhöht und ist doch auf eine fast schon auffällige Art unscheinbar: akkurat gemauertes Feldsteinfundament, symmetrisch angeordnete Fensterreihen, gedeckte Farben. Es gehört noch immer der Familie. Maar, der zu seinem dunklen langen Mantel einen hellblauen Sommerschal und ein graues Käppi trägt, öffnet ein hohes Metalltor. Darauf warnt ein altes Schild vor einem Hund, den es schon lange nicht mehr gibt. Über Steinstufen geht es zum Vorgarten hinauf und über einen schmalen Weg zum Eingang auf der Rückseite des Hauses.

Wo war denn Ihr Zimmer, Herr Maar?

"Dort unten rechts."

Das Fenster neben der Eingangstür?

"Ja."

Sind Sie da mal rausgeklettert?

"Oft."

In seiner Kindheit stapelte sich Brennholz unter dem Fenster, heute stehen dort ausrangierte Möbel, Teile einer Einbauküche, Eimer mit Bauschutt, Werkzeug. Bis zu ihrem Tod in diesem Sommer hat Maars Stiefmutter im Erdgeschoss gelebt. Seine 18 Jahre jüngere Halbschwester bewohnt noch immer den ersten Stock. Die Stiefmutter hat Maar regelmäßig besucht, obwohl ihn Schweinfurt vor allem an eins erinnere: "Krieg." An den Bombenkrieg, der eines Tages einen Krater in den Garten riss, und an den Kleinkrieg, den er sich über Jahre mit seinem Vater lieferte.

Paul Maar hat oft erzählt, wie er unter diesem sportbegeisterten und ehrgeizigen Handwerker gelitten hat. Maar senior führte einen gut gehenden Maler-, Verputzer- und Stuckateurbetrieb, Literatur hielt er für Zeitverschwendung. Er verstand nicht, warum sich sein Sohn in die Welten der Cowboys und Indianer hineinträumte. Er verkannte auch dessen Zeichentalent, meldete ihn stattdessen im Sportverein an und schlug, damals nicht unüblich, auch mal zu.