Kühler Querkopf

Wer verstehen will, warum der Migrationsforscher Ruud Koopmans mit seiner Branche hadert, muss nur ein kleines Manifest lesen. Es erschien pünktlich zur Bundestagswahl. 140 namhafte deutsche Professoren, Kollegen Koopmans’ und Mitglieder im Rat für Migration, haben es unterschrieben. Die Unterzeichner fordern von einer künftigen Regierung eine "zukunftsfähige Migrationspolitik" und sehen ihre Rolle darin, dazu beizutragen, dass "von Rassismus und Nationalismus geprägte Abwehrhaltungen gegen Einwanderung" aufgebrochen werden, und den "populistischen Appellen und Bildern des Untergangs ein positives Zukunftsbild entgegenzusetzen".

Für Koopmans liegt in solchen Statements das ganze Missverständnis der Migrationsforschung. Seit wann sei es Aufgabe von Wissenschaftlern, "positive Zukunftsbilder" zu zeichnen? "Für viele", so der 56-Jährige, "ist Migrationsforschung Politik mit anderen Mitteln. Sie wollen keine Fragen beantworten, denn sie kennen die Antwort: Es gibt keine Probleme mit der Einwanderung, es gibt nur Probleme mit Diskriminierung." Koopmans, ein sportlicher Typ mit Outdoor-Anmutung, hellgrauem Haar und flinken blauen Augen, sitzt in seinem Büro des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) am Reichpietschufer und serviert Leitungswasser aus Plastikbechern, weil Betriebsausflug ist und niemand Kaffee gekocht hat.

Seit 2007 leitet Ruud Koopmans hier die Abteilung Migration, Integration und Transnationalisierung. 2013 veröffentlichte er eine Studie über islamischen Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit unter europäischen Muslimen. Sie hatte ein globales Echo, auch in Ländern wie Pakistan, Israel und den USA – nur in Deutschland reagierte keiner. Außer der FAZ, die ihn "Keulenschwinger" nannte, da er mit der "Fundamentalismuskeule" operiere.

Im selben Jahr wurde Koopmans zum Professor für Soziologie und Migrationsforschung am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität berufen. Ausgerechnet dort, wo kleine, aber lautstarke Kreise von Studenten empfindlich auf Positionen reagieren, die sie als rassistisch ansehen. Dies geschah auch jetzt. Koopmans, so erklärte die Fachschaft öffentlich, zeichne sich durch "unsägliche Arroganz und Blindheit gegenüber der gesellschaftlichen Realität" aus. Seine Forschungen bereiteten den "Nährboden für antimuslimischen Rassismus". Dieser Ruf eilt ihm nun voraus. In einer Talkshow, erzählt Koopmans, habe die Schauspielerin Renan Demirkan zu ihm gesagt: "Sie mögen also keine Muslime. Tut mir leid, dass Sie jetzt neben einer sitzen müssen." Und der Grüne Volker Beck, ebenfalls zu Gast, habe im Anschluss gesagt: "Ach, Ihre Frau ist kurdisch. Jetzt verstehe ich, warum Sie so türkenfeindlich sind." Ein Migrationsforscher habe seinen Mitarbeitern jegliche Kooperation nicht nur mit Koopmans selbst, sondern mit dem gesamten WZB verboten.

Er will Mehrheitskulturen schützen, weil die von der Globalisierung bedroht seien

Koopmans berichtet über solche Reaktionen kühl und fast ein wenig gelangweilt. Nie wird die Stimme laut, nie blitzt Ärger auf. Er wiederholt nur, worin er sich sicher ist: Die fundamentalistischen Ansichten vieler Muslime – über die Demokratie, über Juden, über Frauen oder Homosexuelle – sind dafür verantwortlich, dass es Islamisten in Europa so leicht haben, zu operieren. "Wären es nur ein paar Tausend Extremisten", meint Koopmans, "und würden die muslimischen Gemeinschaften so entschieden Hass in den eigenen Reihen bekämpfen, wie es ihre Verbandsvertreter immer behaupten, wäre das Problem längst gelöst."

Als der gebürtige Niederländer Ruud Koopmans vor 20 Jahren anfing, sich mit Migration zu beschäftigen, hätte er sich nie träumen lassen, dass ihm jemand mal Rassismus vorwerfen würde. "Damals war ich sicher, dass Integrationsprobleme wie überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit und schlechte Schulabschlüsse auf eine Politik zurückzuführen sind, die Zuwanderern zu wenig Rechte gewährt und ihre Kultur nicht hinreichend anerkennt."

Das Linkssein kaputtrecherchiert

Was ist seither passiert? Wie ist aus dem überzeugten Multikulturalisten Ruud Koopmans ein ernüchterter Befürworter von Assimilation geworden?

Koopmans hat sich sein Linkssein kaputtrecherchiert. Anfang 2002 wurde er von der niederländischen Regierung gebeten, deren positive Eigenbilanz einer sehr offenen Migrationspolitik – leichte Einbürgerung, kaum Sprachanforderungen, kommunales Wahlrecht und so weiter – mit ein wenig Wissenschaft zu untermauern. Koopmans, damals Mitglied der niederländischen Grünen, ging genau in diesem Geist an die Aufgabe heran. Aber dann stellte er fest, dass Zuwanderer in Deutschland zwar zweimal so häufig arbeitslos sind wie die Durchschnittsbevölkerung – in den Niederlanden aber viermal so häufig. In den Niederlanden wurden Menschen mit Migrationshintergrund auch viel häufiger kriminell und lebten in Großstädten eher unter sich. Koopmans suchte nach den Gründen. Er fand sie in der größeren Anspruchshaltung der deutschen Migrationspolitik. "Gerade wer den Sozialstaat erhalten will, der muss den Zugang erschweren." Da ist er sich sicher.

Als weiteren Grund für seinen Sinneswandel nennt Koopmans zwei Namen, die bis heute für Niederländer einen traumatischen Klang haben: Pim Fortuyn und Theo van Gogh. Der eine ein charismatischer schwuler Rechtspopulist, der andere ein radikaler linker Islamkritiker. Beide wurden ermordet. "Was mich schockiert hat", sagt Koopmans, "war nicht nur der Mord an van Gogh, sondern auch, dass die Politik nicht mit einem starken Statement für Meinungsfreiheit und Religionskritik reagierte." Der Ministerpräsident habe zwar die islamische Schule besucht, die von Rechtsradikalen in Reaktion auf das Attentat niedergebrannt wurde. "Aber die Eltern von van Gogh besuchte er nicht." Der Justizminister schlug sogar vor, den alten Paragrafen gegen Gotteslästerung wieder anzuwenden.

Daneben waren es die stereotypen Reaktionen auf islamistische Attentate, die Koopmans nervten: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Die große Mehrzahl der Muslime ist friedlich. Die wahren Ursachen sind Diskriminierung und westliche Außenpolitik. "Warum", so fragt Koopmans, "waren dann Künstler, Cartoonisten und Schriftsteller die Opfer und nicht Arbeitgeber oder Bildungspolitiker?"

Als der Fraktionschef der Grünen in der Rushdie-Affäre erklärte, dass sich der Autor die Fatwa selbst eingebrockt habe, trat Koopmans aus. Religionskritik, so findet er, übe die Linke nur an Christen, der Islam genieße einen mysteriösen Schutz.

Ruud Koopmans stammt aus einer niederländischen Arbeiterfamilie: Vater Mechaniker beim Flugzeughersteller Fokker, Mutter Hausfrau. Er war der Erste, der eine akademische Laufbahn einschlug. Koopmans wuchs in Uithoorn, einer kleinen Stadt südlich von Amsterdam, auf. Bis auf zwei Mitschüler aus Surinam gab es in seinem Umfeld in den sechziger Jahren keine Migranten. Der Stolz auf die Niederlande – ein kleines Land, dem Wasser abgetrotzt und einst die Welt regierend – war ungebrochen. Bei Ruud Koopmans klingt er immer noch durch. "Was die Niederlande im 17. Jahrhundert alles geleistet haben, die Malerei, die Seefahrt, der Welthandel, das ist ja auch toll!", sagt er. "Wir sind das einzige Land auf der Welt, das sich selbst geschaffen hat." Koopmans klingt begeistert. Zum ersten Mal im Gespräch.

An den Wänden seines Büros hängen selbst geschossene Fotos von Landschaften und wilden Tieren. Koopmans erzählt, wie sie in der Schule ohne einen Hauch von Zweifel Lieder aus dem Burenkrieg in Südafrika sangen, über die Kämpfe zwischen "uns" und den Briten. Heute undenkbar. Mit den sechziger Jahren kamen die dunklen Seiten der Kolonialherrschaft zur Sprache. Inzwischen steht auch der "Zwarte Piet", Gehilfe des Nikolaus mit geschwärztem Gesicht, unter Rassismusverdacht. Das geht Koopmans zu weit. Sicher, er schäme sich für Teile der niederländischen Geschichte, etwa für das Massaker von Srebrenica, als serbische Militärs unter den Augen niederländischer UN-Soldaten bosnische Zivilisten ermordeten. "Aber der Zwarte Piet hatte in den Niederlanden nie etwas mit der Verhöhnung von Schwarzen zu tun. Auch in Surinam färben sich die Menschen die Gesichter schwarz, wenn sie Sinterklaas feiern."

Studien, denen zufolge Muslime integriert sind? Von Firmeninteressen gelenkt!

Koopmans ist dafür, Mehrheitskulturen zu schützen, weil sie von der Globalisierung bedroht seien. Eine provokante Ansicht für einen Soziologen. Die meisten seiner Kollegen sorgen sich eher um die Kulturen und Rechte der Minderheiten, der Latinos in den USA oder der Uiguren in China.

Deutsche Migrationsforschung irritiert

Dass Ruud Koopmans mit solchen Aussagen die deutsche Debatte aufmischt, ist nicht abzusehen, als der Arbeitersohn sein Politikstudium in Amsterdam aufnimmt. Das Nachbarland interessiert damals niemanden. "Deutschland galt als ein bisschen langweilig, immer etwas später dran als wir." Aber dann kam das Forschungsprojekt über neue soziale Bewegungen – Friedensbewegung, Hausbesetzer, Kernkraftgegner –, und Koopmans, der mit alldem sympathisierte, wurde nach Berlin geschickt, um dem Phänomen vor Ort nachzugehen. Hinein in den Mauerfall, in eine Zeit, die damals jeden elektrisierte. Ruud Koopmans blieb cool.

Die Friedliche Revolution und die Jahre des Umbruchs sind ihm jedenfalls keinen Kommentar wert. Überhaupt hat man den Eindruck, die deutsche Gesellschaft und ihre vielen Lernkurven brächten ihn nicht sonderlich in Wallung. Doch damals gab es in den Niederlanden keine freie Stelle, und so blieb er in Berlin und landete beim WZB.

Koopmans’ Soziologie ist stark daten- und gruppengetrieben. Er interessiert sich nicht dafür, was es bedeutet, aus den Bergen Anatoliens an die Werkbänke von Siemens katapultiert zu werden oder was jemand mit SED-Elternhaus zum Rechtsextremen macht. Er will wissen, wie viele es sind, welche Einstellungen sie teilen und was eine Gesellschaft tun kann, um sich vor Gefahren zu schützen. Alles legitim, aber unbeirrbar rational und ein wenig frostig.

Ein Thema, das ihn seit Jahren irritiert, ist, dass die deutsche Migrationsforschung so stark von Stiftungen großer Unternehmen dominiert wird. Deren Studien kommen durchweg zu positiven Ergebnissen, was den Stand der Integration in Deutschland angeht. Erst kürzlich hat etwa die Bertelsmann Stiftung eine Studie veröffentlicht, die behauptet, die Integration von Muslimen in den Arbeitsmarkt sei so gut wie die der Mehrheitsbevölkerung. Einzig die Erfolge würden zu wenig anerkannt. "Das steht in einem so krassen Gegensatz zu allem, was wir wissen", sagt Koopmans, "man muss das 'alternative Fakten' nennen. Da findet keine Peer-Review statt, da gibt es keine wissenschaftliche Kritik. Es liegt doch auf der Hand, dass da eine Agenda dahintersteht: das Interesse der Unternehmen an billigen Arbeitskräften!"

Mit Aussagen wie dieser zieht Koopmans viel Empörung auf sich. So erklärt die Bertelsmann Stiftung: "Den Vorwurf, dass es sich bei der Studie der Bertelsmann Stiftung um 'alternative Fakten' handelt, weisen wir hiermit zurück. Die Bertelsmann Stiftung sucht mit ihren Studien den öffentlichen Diskurs." Sowohl Methodik als auch Ergebnisse der Stiftungsarbeit seien vollkommen transparent.

Angesichts seiner Konfliktfreudigkeit lässt sich leicht ausrechnen, was Koopmans von der deutschen Flüchtlingspolitik hält: "Eine absolute Fehlleistung." Merkel habe nicht überblickt, was sie da in Gang gesetzt habe. "Und die Behauptung, Grenzen ließen sich nicht kontrollieren, ist einfach Quatsch." Nur wer seine Identität nachweisen könne, solle künftig zum Asylverfahren zugelassen werden. Koopmans findet, die Niederlande hätten da inzwischen die richtige Mischung aus Härte und Hilfsbereitschaft, während die Deutschen immer naiver würden.

Wenn man Ruud Koopmans so reden hört, fragt man sich, ob ihm die atmosphärischen Veränderungen in Deutschland präsent sind. Das Land, das er beschreibt, hatte keine Sarrazin-Debatte. Es gibt dort niemanden, der die doppelte Staatsbürgerschaft anzweifelt. Und der Merkel-Satz von dem "freundlichen Gesicht", das man der Welt zeige, wird so gefeiert wie in jenem Sommer, als Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof beklatscht wurden. Es ist ein Land, in dem verpflichtende Deutschkurse für Zuwanderer umstritten sind und Zwangsehen toleriert werden.

Es ist ein Land, das es nicht mehr gibt. Weil es sich aus guten Gründen in die Richtung entwickelt hat, die Koopmans fordert.

Hinweis: In einer früheren Version hieß es, Pim Fortuyn und Theo van Gogh wurden beide von Islamisten ermordet. Das war nur bei van Gogh der Fall, Fortuyn wurde von einem militanten Tierrechtler getötet, der den Mord laut eigener Aussage beging, um "Muslime zu schützen". Wir haben das im Text geändert.