Vier Nachrichten an einem ganz normalen Wochenende im Advent – aus Pjöngjang, Damaskus, Sanaa und Washington.

Donald Trump ruft den palästinensischen Präsidenten Abbas an und teilt ihm mit, er plane, die amerikanische Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un sagt, die USA "betteln geradezu um den Atomkrieg". Israelische Bomber zerstören 13 Kilometer südlich der syrischen Hauptstadt Damaskus eine Militäreinrichtung, die vermutlich von iranischen Truppen genutzt wurde. Der Ex-Präsident des Jemen, Ali Abdullah Salih, wird in der Hauptstadt Sanaa von Huthi-Rebellen getötet, die kurz vorher noch seine Bündnispartner waren.

72 Stunden, vier extreme Zuspitzungen.

Trumps Umzugspläne, Kims Provokation, Israels Präventivschlag, Salihs Ermordung – auf den ersten Blick unverbundene Entwicklungen, die doch zusammengehören: Alle diese Ereignisse stehen nicht nur für eine zerbröselnde Weltordnung. Sie alle haben das Zeug dazu, sich in eine massive internationale Konfrontation auszuweiten. Und sie befeuern sich wechselseitig. Die Kriegsgefahr steigt.

Die multipolare Welt, die sich viele als Alternative zur US-Hegemonie der vergangenen Jahrzehnte herbeigewünscht hatten – sie ist nun wirklich da. Nur hat diese Welt keine Ähnlichkeit mit der freundlichen Utopie, die manche sich darunter vorstellten, im Gegenteil: Nordkoreas Kim lässt sich weder von den USA noch von China beeindrucken; Israel fühlt sich ermutigt, direkt gegen den Feind Iran vorzugehen; der wiederum hat einen Bürgerkrieg im Jemen zum Stellvertreterkrieg gegen die Saudis eskaliert.

Alle Akteure sind offenbar der Meinung, sie könnten nur gewinnen. Oder jedenfalls wollen sie auf keinen Fall verlieren. Das Aufeinandertreffen von kompromisslosen Hasardeuren erinnert an die Zeit der "Schlafwandler" (Christopher Clark) vor dem Ersten Weltkrieg, als gegenseitiges Misstrauen, Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionspläne und nationalistische Bestrebungen in eine Situation mündeten, in der ein Funke genügte, um den Krieg auszulösen. Ganz so weit mag es heute noch nicht sein. Dafür sind die Konfliktparteien der Gegenwart alle in der Lage, bis hin zum Atomkrieg zu eskalieren. Und es ist nirgends eine Macht in Sicht, die als mäßigende Kraft auftreten könnte oder wollte. Deshalb kann man ohne Übertreibung sagen, dass die Welt seit Jahrzehnten nicht mehr von so vielen so gefährlichen Krisen gleichzeitig erfasst wurde. Kurz gesagt: Es ist vier vor zwölf.

Das bringt nicht nur die Akteure an den Rand der Überforderung, sondern die gesamte sogenannte internationale Gemeinschaft – EU, UN, G7 und G20 eingeschlossen. Denn zur Verknotung der Konflikte und Interessen kommt noch ein Erkenntnisproblem.

Der Dauerkonsum von Trumps Tweets, Kims Drohungen und der wechselseitigen Verwünschungen zwischen Saudis, Israelis und Iranern trübt die außenpolitische Urteilskraft. Er stumpft uns ab. Man liest dergleichen im immer kürzeren Abständen – und zuckt die Schultern. Ein Atomkrieg gegen Nordkorea? Ein großer Krieg zwischen dem Iran und Israel? Oder einer zwischen Saudi-Arabien und dem Iran – all das erscheint dann doch einfach zu irre.

Die politische Fantasie ist in einem Paradox gefangen: Je näher das Undenkbare rückt, je lauter es durch die Welt wummert, umso schwerer fällt es, die reale Möglichkeit einer Katastrophe zu denken. Es gilt also, die Einbildungskraft auf den Stand des galoppierenden Irrsinns in der Weltpolitik zu bringen.