Nur ein Beispiel: Was passiert eigentlich, wenn die israelische Regierung nicht akzeptieren will, dass Syrien zum Aufmarschgebiet iranischer Kämpfer und ihrer Verbündeten wird? Das geschieht gerade, und der Bombenangriff vom Wochenende war womöglich nur ein Vorschein dessen, was noch passieren könnte. Truppen der libanesischen Hisbollah und iranische Revolutionsgarden rücken in Syrien an die Golanhöhen und damit an die israelische Grenze heran. Sie nutzen dafür sogenannte Sicherheitszonen, die der russische Präsident Putin durchgesetzt hat. Putin ist der Schutzherr des syrischen Diktators Assad und seiner iranischen Hilfstruppen – und er ist der große Profiteur des westlichen Rückzugs aus dem Mittleren Osten. Sollte also Israel massiv gegen Hisbollah und die iranischen Revolutionsgarden in Syrien vorgehen, entstünde sofort eine direkte Konfrontation nicht nur mit dem Iran – sondern auch mit Russland und dessen Interessen. Unmöglich, zu sagen, was dann geschieht.

Und so steht es auf fast allen Konfliktfeldern, sie alle gleichen Ketten von Dominosteinen. Was, wenn einer der Akteure die entfesselte Rhetorik wörtlich nimmt? Was, wenn ein Raketenangriff, ein Manöver als Kriegsbeginn gedeutet wird? Wenn es doch zum Ernstfall käme zwischen Washington und Pjöngjang oder zwischen Riad und Teheran? Zukünftige Historiker könnten eine Katastrophe im Rückblick als geradezu folgerichtig betrachten: Man hätte es wissen können. Es stand ja alles schon in der Twitter-Timeline des US-Präsidenten.

Und überall hängt das Kleine mit dem ganz Großen zusammen. Beginnen wir mit den jüngsten Personalspekulationen in Washington. Am selben Adventswochenende, an dem sich die drei Krisen zuspitzten, wurde eine potenziell folgenreiche Rochade erst gezielt geleakt, dann wieder dementiert. US-Außenminister Rex Tillerson, hieß es, solle demnächst entlassen und durch CIA-Chef Mike Pompeo ersetzt werden, diesem wiederum werde der junge Senator Tom Cotton aus dem Bundesstaat Arkansas folgen. Präsident Trump bestritt das zwar, aber als Tillerson in dieser Woche noch einmal nach Brüssel und Paris reiste, wusste jeder seiner europäischen Gesprächspartner, dass es auf diesen Außenminister nicht mehr ankommt. Die USA sind damit in einer weltpolitischen Großkrise de facto ohne Chefdiplomaten – eine beispiellose Selbstverzwergung. Dabei hatte Tillerson, selbst ja kein Diplomat, sondern Unternehmer, auch seinerseits schon das Außenministerium gezielt geschwächt, indem er einer Budgetkürzung um 30 Prozent zustimmte. Wichtige Leitungsposten sind unbesetzt. Die USA haben zum Beispiel seit fast einem Jahr keinen Botschafter in Südkorea.

Noch-CIA-Chef Pompeo, Absolvent der Militärakademie West Point, und der Ex-Marineinfanterist Cotton stehen für eine weitere Militarisierung und Radikalisierung der amerikanischen Außenpolitik. Die beiden Ultrakonservativen haben ein gemeinsames Ziel: eine aggressivere Politik gegen den Iran. Beide sind entschiedene Gegner des Atomabkommens mit Teheran. Trumps Beinahe-Außenminister Mike Pompeo hatte vor seiner Berufung zum CIA-Chef getwittert, er freue sich, "den desaströsen Deal mit dem weltgrößten staatlichen Terror-Sponsor" zurückzurollen. Und Pompeo hatte den Kampf gegen den Terrorismus immer wieder als einen zwischen Christentum und radikalen Muslimen dargestellt.

Der erst 40-jährige Senator Cotton, der bald die CIA leiten könnte, wurde vor drei Jahren durch einen offenen Brief an den iranischen Revolutionsführer berühmt, in dem er ankündigte, der Kongress oder ein künftiger Nachfolger von Barack Obama, der den Iran-Deal ausgehandelt hatte, werde das Atomabkommen mit Teheran kündigen.

Die beiden Personalien lassen die Hoffnung schwinden, der erratische Präsident Trump könnte durch die sogenannten Erwachsenen in der Regierung eingehegt werden, erfahrene, gemäßigte Profis wie Verteidigungsminister James Mattis etwa. In dieser Vorstellung steckte schon immer überwiegend Wunschdenken. Doch nun umgibt sich Donald Trump offensichtlich mit Zuarbeitern, die genau auf seiner Linie sind. Cotton hatte bereits als Senator angeregt, wer Trumps "Vision" nicht in die Tat umsetzen könne, solle sich aus dem Kabinett zurückziehen.

In der kommenden Woche muss der US-Senat zum Iran-Deal Stellung nehmen. Trump hatte sich geweigert, offiziell zu bestätigen, dass der Iran das Abkommen erfüllt – übrigens auf Anraten von Senator Cotton.

Steigt mit Cotton und Pompeo also die Gefahr, dass die USA aus dem Abkommen aussteigen, das den Iran – im Gegenzug zur Aufhebung von Sanktionen – verpflichtet, auf die Entwicklung von Nuklearwaffen zu verzichten?

Ein Diplomat und Iran-Experte, der Mike Pompeo berät, hat in der vergangenen Woche mit dem möglichen neuen Außenminister zusammengesessen. Er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, denn seine Unterhaltungen sind vertraulich. Pompeo habe im Gespräch keine Absicht erkennen lassen, das Atom-Abkommen aufkündigen zu wollen, beruhigt der Berater.