Doch in der deutschen Bundesregierung machen sich Minister und leitende Beamte große Sorgen um den Fortbestand des Abkommens. Der Kongress könnte, ohne den Atomdeal unmittelbar scheitern zu lassen, neue Sanktionen gegen Teheran verhängen. Dann wäre das Abkommen zwar noch in Kraft, aber de facto tot. Und immer bleibt die Möglichkeit, dass Trump doch noch aus dem Atomdeal aussteigt, denn die letzte Entscheidung liegt bei ihm.

Das aber wäre fatal. Nicht nur, weil das Abkommen den Iran von der Produktion von Atomwaffen abhält. Sondern mindestens ebenso sehr, weil es auch ein Vorbild sein könnte für das Vorgehen in anderen Nuklearkrisen. Zum Beispiel in der nordkoreanischen. Wer den Iran-Deal platzen lasse, heißt es in der Bundesregierung, verhindere jede Verhandlungslösung mit Nordkorea. Das Ende des Abkommens mit Teheran wäre darum ein Brandbeschleuniger für die Weltkrise im Pazifik.

Auch hier zeigt sich wieder: Die gegenwärtigen Krisen sind miteinander verknüpft, kein Konfliktherd ist isoliert, alles findet gleichzeitig statt und wirkt aufeinander. In der Logik der US-Hardliner ist jede von Pjöngjang getestete Rakete ein weiterer guter Grund, den aus ihrer Sicht naiven und gefährlichen Iran-Deal zu kippen. In der europäischen Logik gilt umgekehrt: Wer diesen Deal antastet, macht eine friedliche Lösung des Nordkorea-Problems unwahrscheinlicher.

Die Verachtung für Diplomatie und Verträge, die Trump zur Schau stellt, bestärkt wiederum Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un in seinem Kalkül. Es lautet: Ein Staat, der von den Vereinigten Staaten als Feind eingestuft wird, braucht dringend die Atombombe. Denn sie allein bildet eine verlässliche Versicherung gegen Interventionen und erzwungene Regimewechsel, wie sie zuletzt den Iraker Saddam Hussein und den Libyer Muammar al-Gaddafi zu Fall brachten. Wenn den USA das Iran-Abkommen im Zweifel nichts bedeutet, worüber sollten die Nordkoreaner dann mit ihnen reden?

Auch wenn keine Seite einen Krieg will, birgt schon die gegenseitige Fixierung ein Risiko. Man kennt es aus der Seefahrt: Selbst im angestrengten Versuch, einander auszuweichen, sind bereits Schiffe kollidiert.

Zugleich wird der Ton zwischen Washington und Pjöngjang immer schriller. Trump nannte Nordkoreas Diktator Kim Jong Un einen "Raketenmann auf Selbstmordmission", einen "kranken Welpen" und warnte, dessen Land würde "vollständig zerstört", sollte Kim Amerika oder einen seiner Verbündeten angreifen. Nordkoreas Propaganda pestete zurück, Trump sei ein "alter Verrückter, fieser Trickser und eine menschliche Absonderlichkeit".

In dieser Atmosphäre halten die amerikanische und die südkoreanische Luftwaffe nun das bislang größte gemeinsame Luftwaffen-Manöver ab. Unter dem Namen "Vigilant Ace" üben 12 000 US-Soldaten mit mehr als 230 Kampfflugzeugen, darunter F-22-Tarnkappen-Jets und wohl auch Langstreckenbomber, präzise Schläge. Manöver sind wichtig, um verunsicherte Alliierte zu stützen. Aber sie bergen stets auch die Gefahr, ungewollt in einen Ernstfall umzuschlagen – wenn die andere Seite nicht mehr an eine Übung glaubt. Im Ost-West-Konflikt wäre dies vor 34 Jahren mindestens einmal fast passiert. Im November 1983 probte die Nato in Europa einen Atomkrieg, und alles, was die Sowjets beobachteten, stimmte mit ihren Annahmen darüber überein, wie die Nato einen Präventivschlag beginnen würde. Wie später freigegebene Unterlagen zeigen, ließ die Sowjetunion damals vorsorglich mehrere Flugzeuge in der DDR und in Polen mit Atomsprengköpfen bestücken und versetzte ihre Nuklearstreitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft. Nachdem die Sache glimpflich ausgegangen war, zogen sowohl die Nato als auch der Warschauer Pakt daraus die Lehre, dass sie füreinander berechenbarer werden müssten.

Genau daran fehlt es gerade am meisten: an Berechenbarkeit. Eine wachsende Zahl von welt- und regionalpolitischen Akteuren wird zunehmend unberechenbar. Und an einem Ort treffen sie alle aufeinander: im Mittleren Osten.