Bis heute kann ich nur vermuten, warum der Kriegsverbrecher Slobodan Praljak bereit war, sich mit mir zu treffen. Vielleicht hielt er mich für vertrauenswürdig, weil ich Deutscher bin. In seiner Studienzeit hatte Praljak fünf Sommer lang als Kellner am Titisee im Schwarzwald Geld verdient. Vielleicht fasste er Vertrauen, weil viele der Deutschen, die er kannte, katholisch waren. Die allermeisten Kroaten sind es ebenfalls, natürlich war es auch der ehemalige General Slobodan Praljak, ein Befehlshaber der kroatischen Streitkräfte während des Krieges in Bosnien-Herzegowina. Vielleicht gründete sein Vertrauen auch auf einer seiner kruden Theorien.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs arbeiteten die kroatischen Faschisten mit den Nazis zusammen, errichteten einen Führerstaat, ein deutsch-kroatischer Pakt entstand. Es klingt verrückt, daraus auf eine Achse zu schließen, die noch heute Völker verbinden soll, aber Menschen wie Slobodan Praljak denken so. Mit viel Verstand erschaffen sie einen mit historischen Schlüsselereignissen überdüngten Boden der Wunsch- und Wahnvorstellungen. Sobald ihre Intelligenz auf das unstillbare Verlangen nach moralischer Überlegenheit trifft, hangeln sie sich von einer entlegenen Gedankenwelt zur nächsten und glauben irgendwann an Lügen, die sie selbst erfunden haben.

Radovan Karadžić, der Anführer der bosnischen Serben während des Krieges und – wie Praljak – einer der letzten Insassen im Haager Gefängnis, ließ sich während des Bosnienkrieges am liebsten von amerikanischen Reportern interviewen. Das lag an der Reichweite englischsprachiger Medien, aber auch daran, dass die USA 1917 gegen das erodierende Habsburgerreich in den Krieg gezogen waren und damit Serbien zu einer Siegermacht werden ließen. Nichts funktioniert auf dem Balkan besser als das Gedächtnis. Manchmal ist es Sündenregister, manchmal Poesiealbum.

In dieser Logik ist jeder Mensch ein Abgesandter seines Volkes, das sich als Retter oder aber als Verräter eines anderen Volkes erwiesen hat. So war ich, als ich Slobodan Praljak im Jahr 2003 gegenübertrat, in seinen Augen womöglich ein Nachfahre kroatischer Verbündeter aus alten Zeiten.

Als ich Praljak kennenlernte, war er noch in Freiheit. Ein Jahr später stellte er sich, wurde verhaftet und ins Gefängnis nach Den Haag gebracht. Der Krieg in Bosnien lag acht Jahre zurück, als ich ihn traf, aber Praljaks Krieg war noch lange nicht zu Ende. Der Krieg tobte in ihm weiter. Erst vor wenigen Tagen hat er ihn beendet, als weißhaariger Mann von 72 Jahren. In der vergangenen Woche, als er in Den Haag zu 20 Jahren Haft wegen zahlreicher Kriegsverbrechen verurteilt wurde, zog er im Gerichtssaal ein Fläschchen mit Zyankali aus der Jackentasche, kippte das Gift hinunter und starb kurz danach. Das Bild mit der Giftflasche ging um die Welt, doch die meisten Fernsehzuschauer hatten nie zuvor von diesem Mann gehört. Slobodan Praljak?

Es war nicht einfach gewesen, mich mit ihm zu verabreden. Jeder in der Stadt Mostar kannte ihn, aber niemand wollte mir sagen, wo er steckt. Er sei oft auf Reisen, hieß es. Ich hatte gehört, dass er an einer Zigarettenfabrik beteiligt sei, aber das wusste keiner so genau. In den Kneipen des kroatisch dominierten Teils der Stadt wurde er damals gefeiert. Praljak hatte im Krieg zu den engsten Beratern des kroatischen Verteidigungsministers gehört. Mit Waffengewalt ein großkroatisches Reich gründen, darauf hatten es beide abgesehen. Zum Generalstabschef war er befördert worden, ihm unterstand zeitweise das kroatische Militär im Südosten des Landes, der Herzegowina. Praljak beschäftigte sich mit Hitlers Blitzkrieg-Strategie und glaubte an einen "Lebensraum" für das kroatische Volk.

Wie viele andere Kommandeure kam er während des Krieges und in den chaotischen Jahren danach zu viel Geld. Ein Millionenvermögen soll er mit dubiosen Geschäften zusammengebracht haben. Vor Gericht spielte er das mittellose Opfer.

Damals, im Februar 2003, recherchierte ich für ein ZEIT-Dossier über die weltberühmte Brücke von Mostar, von der es hieß, sie sei auf Befehl eines einzigen Generals zerstört worden – Slobodan Praljak. Was muss das für ein Mensch sein, der bereit war, das Militär auf osmanische Baukunst aus dem 16. Jahrhundert feuern zu lassen, ein Symbol des friedlichen Zusammenlebens der Kulturen und Religionen, ein Wahrzeichen des Balkans? Wie viel Hass musste sich in ihm aufgestaut haben? Erst als die Brücke 1993 im Granatenhagel zerbrach, begriffen viele im Westen, mit welcher Wucht ein Land in der Mitte Europas detonierte. Wo konnte er nur sein, der Brandstifter Praljak?