An diesen beiden Abenden, so wird geraunt, fängt das Berliner Theater neu an. Die Truppen ordnen sich. An der Volksbühne wird das erste große neue Stück unter dem Intendanten Chris Dercon gezeigt, Women in Trouble, geschrieben und inszeniert von Susanne Kennedy. Und am Berliner Ensemble zeigt der ehemalige Volksbühnen-Herr Frank Castorf, in Berlin nun sozusagen obdachlos, seiner neuen Lage gemäß Die Elenden nach dem Roman von Victor Hugo.

Wenn man sich beide Aufführungen ansieht, was ungefähr zehn Stunden dauert (zweieinhalb Stunden bei Kennedy, siebeneinhalb Stunden bei Castorf), hat man anschließend das Gefühl, entronnen zu sein. So unterschiedlich beide Regisseure sind, haben sie doch einiges gemein. Beide arbeiten mit dem Terror des Nichtendenwollens, dem Grauen der verlorenen, verschlungenen Zeit. Beide verweigern die Herstellung simpler Zusammenhänge, beide verwenden Zutaten, Tricks, Wirkungen des herkömmlichen Entertainments, nur um dann zu sagen: So billig machen wir es nicht. Beide sind extreme "Handschriften"-Regisseure, soll heißen: Der Zuschauer muss, so ihr Ehrgeiz, in jeder Sekunde merken, dass er sich in einer Kennedy- beziehungsweise Castorf-Inszenierung befindet.

Der wesentliche Unterschied zwischen beiden ist dieser: Bei Kennedy erleben wir eine geschlossene Welt, die von ihren Bewohnern nur im Tod verlassen werden kann (nein, nicht einmal dann: Es droht ihnen die Wiedergeburt). Bei Castorf dagegen ist die Welt bizarr geborsten, es zieht der Wind durch ihre Ruinen.

Frank Castorf ist schon lange kein Regisseur im alten Sinn mehr, sondern eher ein Romanleser, welcher die inneren Bilder, die ihm seine Lektüre verschafft, mit Schauspielern nachstellt. Man muss als Zuschauer gelesen haben, was er gelesen hat, dann erkennt man eventuell, worauf er auf der Bühne hinauswill, ja dann begreift man vielleicht sogar den Text neu. Wenn man Castorfs Lektürepfaden aber nicht gefolgt ist, wird man von ihm gnadenlos abgehängt. Am Berliner Ensemble hat er jetzt alles getan, um möglichst viele Zuschauer abzuhängen. Er hat gleich zwei große Romane, Victor Hugos Die Elenden (erschienen 1862) und Guillermo Cabrera Infantes Drei traurige Tiger (1967) miteinander verwoben. Nein, verwoben hat er sie eigentlich nicht. Er hat sie in dieselbe Zentrifuge geworfen.

Was an angelsächsisches well made play erinnert, ist für ihn des Teufels. Jeder "Plot" muss flugs getilgt oder zu Tode geritten werden. Wie er das macht? Durch seine Schauspielerführung. An den Figuren rüttelt der Zeitraffer, oder es saugt sich die Zeitlupe an ihnen fest, herkömmliches Zeitmaß gibt es jedenfalls nicht.

So verschränkt er also Victor Hugos Frankreich des 19. Jahrhunderts, worin der gute, fast schon heilige Ex-Galeerensträfling Jean Valjean herumirrt, mit dem Kuba der Drei traurigen Tiger des Jahres 1958. Er paust die Stadtpläne von Havanna und Paris übereinander und stellt aus den beiden Städten eine dritte, unbewohnbare her, die Katakomben hat, aber auch den Malecón: eine transatlantische, durch ihre Kloaken verbundene Metropole des Elends und der Lebenslust.

Die Drehbühne von Aleksandar Denić ist ein kühn aufgetürmtes Potemkinsches Dorf, hinter dessen Kulissen nur Treppen sind, aber keine Räume, ein großes, mit Fassaden (Bar, Zigarrenfabrik, Wachturm, Casino) behängtes Klettergerüst, auf dem die wie immer grandiosen Darsteller hochhackig oder gestiefelt dahintrampeln.