Seine letzte Nachricht war eine Einladung: Es sei die Pflicht des Autors dieser Zeilen, befand Thomas Völsch, im kommenden Jahr zum Harburger Vogelschießen zu kommen, zumal als gebürtiger Sauerländer, wo diese Tradition auch gepflegt werde. Wir verabredeten uns also, im Juni gemeinsam Schützenfest zu feiern.

Die Einladung ist erst wenige Wochen alt, aber das gemeinsame Fest wird es nicht geben. In der vergangenen Woche ist Thomas Völsch im Alter von 59 Jahren gestorben – nur eine Woche nachdem er sich in den vorzeitigen Ruhestand hatte versetzen lassen.

Völsch war Bezirksamtsleiter in Harburg, doch im Gegensatz zu Kollegen in anderen Bezirken war er mehr, als diese Bezeichnung suggeriert. Viele Harburger nannten ihn "unseren Bürgermeister", er wehrte sich irgendwann nicht mehr dagegen, schmunzelte und sah es als Kompliment. Er wusste, dass am südlichen Rand Hamburgs einiges anders ist als im Rest der Stadt. Er, der selbst in Eppendorf aufwuchs, verstand sich als Vermittler, als Erklärer seines Stadtteils, in dem sich viele oft vernachlässigt fühlen von den Entscheidern auf der anderen Seite der Elbe.

Vor zwei Jahren nahm er sich einen ganzen Nachmittag Zeit, um dem Reporter die schönsten Ecken Harburgs zu zeigen. Er wollte beweisen, dass der Stadtteil viel mehr zu bieten hat, als es das Klischee vom runtergekommenen Problemviertel besagt. Begeistert konnte er stundenlang von seinen Visionen erzählen. Es waren Visionen, die er konkret in die Tat umsetzte: Mit seiner Frau war er erst vor einem Jahr aus dem Reihenhäuschen in Fischbek in den Binnenhafen gezogen, Harburgs wichtigstes Stadtentwicklungsprojekt. Gleichzeitig mahnte er, dass die Stadt auch für die heutigen Bewohner erschwinglich bleiben müsse.

Obwohl er schon seit den neunziger Jahren in Harburg lebte, galt Völsch vielen Harburgern als fremd, als er 2012 zum Bezirksamtschef gewählt wurde. Er, der zehn Jahre Geschäftsführer der SPD-Bürgerschaftsfraktion gewesen war, später Bürgerschaftsabgeordneter und stellvertretender Fraktionschef, war für viele im Süden immer noch ein Mann von der anderen Elbseite. Das sei für ihn anfangs nicht leicht gewesen, sagte er einmal.

Doch Völsch verdiente sich den Respekt der Harburger: mit Einsatz, Empathie, Verbindlichkeit und Humor. Erst im September wurde er mit großer Mehrheit und zahlreichen Stimmen aus der Opposition von der Bezirksversammlung für eine zweite Amtszeit nominiert.

Es sah damals für Außenstehende so aus, als habe er seine Krankheit besiegt. Im Frühjahr war Völsch an Krebs erkrankt. Er setzte nach einer Operation einige Wochen aus, dann fuhr er, trotz Chemotherapie, wieder jeden Tag mit dem Fahrrad ins Harburger Rathaus, arbeitete, so viel es irgend ging. Das lenke ab, sagte er. Auch öffentliche Auftritte absolvierte er weiter.

Noch am 13. Oktober präsentierte er in einem Video auf Facebook stolz ein neues Foto hinter seinem Schreibtisch: das Harburger Rathaus, fotografiert mit einer Lochkamera, die in eine Mülltonne eingebaut war. "Wer hat schon eine Fotografie in seinem Büro hängen, die aus einer Mülltonne heraus gemacht ist?", fragte er schelmisch.

Wenige Wochen später schwand die Zuversicht. "Schweren Herzens" bat Völsch am 21. November den Bürgermeister, ihn in den Ruhestand zu versetzen. Seine ärztliche Diagnose, die kurz zuvor noch optimistisch klang, habe sich leider ins komplette Gegenteil verkehrt.

Nicht einmal eine Woche später ist Thomas Völsch gestorben. Er hinterlässt eine Frau und zwei Söhne.