Kinky Boots

Der Autor

Harvey Fierstein schrieb das Buch; er ist trotz Namensähnlichkeit nicht zu verwechseln mit dem ekligen Hollywood-Harvey. Jerry Mitchell, mehrfacher Tony-Award-Gewinner, übernahm Regie und Choreografie, Cyndi Lauper schrieb die Musik.

Das Stück

Handlung: Charlie Price aus Northampton erbt die abgewirtschaftete Schuhfabrik seines Vaters und soll retten, was nicht zu retten ist. Bis Dragqueen Lola die geniale Idee hat: stabile Stiefel für alle Transvestiten der Londoner Halbwelt. Das muss dann nur noch gegen die Vorurteile der Provinz und gegen Charlies Verlobte durchgekämpft werden. Zeitgeist: Männer in Paillettenkleidern, aufgestrapst und stangentanzend: Man sollte meinen, dass sich davon niemand mehr hinter dem YouPorn-Abo hervorlocken lässt. Aber im Operettenhaus ist die Story Anlass für heftiges Erröten und begeistertes Klatschen. Schmutzigster Moment: Lola setzt sich bei Fabrikchauvi Don auf den Schoß, bis der spürt, dass diese Frau gar keine Frau ist. Huch! Schmutziger wird es nicht.

Der Star

Gino Emnes: Spielt, singt, tanzt und strippt seine Lola mit fantastischem Pathos. Ihm nimmt man auch das eigentlich arg konstruierte Trauma ab, als Jugendlicher vom boxenden Vater geprügelt worden zu sein. Emnes ist dunkelhäutig, deshalb muss er im ersten Akt seinen "süßen, heißen Schokopopo, oh, oh" besingen. Das hat er nicht verdient.

Das Theater

Vergangenheit: 1971 gab es im Operettenhaus tatsächlich mal eine Skandalrevue, Kenneth Tynans Oh! Calcutta!. Lange her. Seither ist das Programm mit Cats, Mamma Mia, Sister Act und Rocky dem braven Mainstream angepasst worden. Service: Der Einlass erfolgt staufrei. Obacht allerdings auf den vollverspiegelten Oberrangtreppen: akute Selfiestick-Dichte. Für danach: Auf den Kiezweihnachtsmarkt Santa Pauli, der auch mit Sex kokettiert, ohne Sex zu bieten. Eine Bordsteinschwalbe (Kirschlikör mit Prosecco) trinken, die lustigen Dildos bekichern und am Ende beschwipst ins Strip-Zelt.

Der Nutzwert

Tweet-Empfehlung: "Boys as girls just wanna have fun! #kinkyboots #alleshatseinenprice #sowirdeinschuhdraus".

Das Fazit

Kiezfaktor: Im Foyer hört man böse Zungen tuscheln, mit Kinky Boots bekomme die Reeperbahn endlich das Musical, das sie verdiene. Sehr brav, sehr glatt, sehr laut.