Der Besucher hatte wohl einen anregenden Abend im Übersee-Club. Nun gut, etwas ungewöhnlich gekleidet war er für unsere Verhältnisse schon. Aber was ein echter Hamburger ist, der gibt nun mal wenig auf den ersten Eindruck. Zumal der Gast eben auch freundlich und aufgeschlossen erschien.

Den Besucher überraschte das offensichtlich so, dass er hinterher von einem "Wunder" berichtete und sich fragte, ob er "nordische Contenance oder echte Toleranz" erlebt habe. Freundliche Mitglieder hätten ihm zum Abschluss "viel Glück" im Beruf wie generell im Leben gewünscht.

Mich hat das nicht wirklich gewundert, als ich diese Geschichte, groß aufgemacht hier in der Hamburg-Ausgabe der ZEIT, im März 2015 gelesen habe. "Schätzchen, mach Platz" hieß sie. Ein Reporter des Berliner Tagesspiegels und eine Journalistin der ZEIT trugen darin, sehr kurzweilig aufgeschrieben, eine Art Wettbewerb aus: Wer kommt rein – der Berliner in den Übersee-Club oder die Hamburgerin in das Berghain (wie man so hört, einer der bekanntesten Technoclubs weltweit)?

In den Übersee-Club kam der Reporter rein ("Bitte dort entlang", und: "Darf ich Ihnen etwas bringen?"), seine Kollegin hingegen nicht ins Berghain (eben "Schätzchen, mach Platz").

Vorurteile wollen ja bekanntlich gepflegt werden. Umso besser, wenn einer hingeht und sie überprüft, auch einmal mit ungewöhnlichen Mitteln.

Zwangsläufig enttäuscht wird aber derjenige, der "Gorch Fock, Hummer und Große Fahrt" oder gar "Teilnehmer des Admiral’s Cup" bei uns erwartet, wie hier in der vorigen Ausgabe zu lesen war. Wir sind keine Kapitänsvereinigung und kein Segelclub. Wir tanzen nicht auf Bällen, und zum Bankett wird nur einmal im Jahr geladen, wenn wir Hafengeburtstag feiern. Es gibt bei uns weit Wichtigeres als das Essen. Wir müssen sogar nicht einmal immer eine Krawatte tragen, wenn wir in unser angemietetes Clubhaus, das Amsinck-Haus an der Binnenalster, gehen.

Und natürlich machen wir auch Fehler. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass ein Mitglied tatsächlich einen ehemaligen Senatsvorsitzenden am Bundesgerichtshof als "Präsident" anredet und sich hinterher von ihm erklären lassen darf, dass diese Anrede "seit 45 Jahren überholt" ist. Mon dieu!

Wer im Clubhaus Glamouröses erwartet, wird wahrscheinlich erst einmal ein bisschen enttäuscht sein. Weil es dort unspektakulär zugeht. Wir hören unseren Rednern zu und denken dann darüber nach. Ich weiß, das klingt unglaublich altmodisch. Es dürfte aber aktueller denn je sein in einer Zeit, die so sehr von Getöse und vorschnellen Urteilen geprägt ist.

Wer Mitglied im Übersee-Club sein möchte, sollte allerdings auch bereit sein, das allzu Gewisse zu Hause zu lassen, und offen zu sein für Neues. Für Impulse, für Anregungen. Der sollte selbst etwas im Leben auf die Beine stellen, neben dem Job unbedingt etwas Soziales, Ehrenamtliches – der sollte sich engagieren für das Gemeinwesen. Wir hoffen, ihm dafür Input zu liefern. So wollten es schon unsere Gründungsväter. Max Warburg nannte das Ganze damals einen "Sprechsaal".