In der Kolumne "Zeitzeichen" schreibt der Reporter Ulrich Stock regelmäßig aus dem Redaktionsalltag von ZEIT und ZEIT ONLINE.

Die Zeitungsbranche hat ihr eigenes Vokabular; Außenstehende mögen es befremdlich finden. In Artikeln, die bei der ZEIT übrigens "Stücke" heißen, gibt es zum Beispiel "Hurenkinder" – hoffentlich nicht zu viele, denn ein Hurenkind nennt man die letzte Zeile eines Absatzes, wenn sie in der ersten Zeile einer neuen Textspalte steht.

Schauen Sie mal in den großen Text links neben dieser Kolumne. Da haben wir das in der zweiten Spalte oben ausnahmsweise mit Absicht gemacht. Das sieht nicht schön aus, und deshalb vermeiden wir es sonst, wo wir können.

Warum das nun Hurenkind heißt, darüber schweigen die Etymologen sich aus. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts taucht die Bezeichnung in den Druckereien auf – ein Hinweis womöglich auf das proletarisch derbe Männergewerbe der Schriftsetzerei.

Ist das Hurenkind heute noch zeitgemäß? Ist der Begriff nicht despektierlich gegenüber den Sexarbeiterinnen und ihrem unverhofften Nachwuchs, der an allem ja ganz unschuldig ist?

Diese Diskussion wird bei der ZEIT bisher nicht geführt, aber wer weiß, vielleicht kommt sie noch, wenn die allgemeine Verfeinerung der Gender-Sinne die Sprache unseres Handwerks erfasst. Es ist ja eine beliebte Praxis in den Medien, in der Wortwahl superkorrekt zu sein. Schöner würde das, was dann nicht mehr Hurenkind heißen dürfte, durch einen anderen Namen aber auch nicht.