Neulich, an einem Seeufer in Brandenburg, die Geburtstagsfeier einer Fünfjährigen. Die Kinder rennen rum und rufen: "Fang mich doch, du Eierloch", die Eltern trinken Weißwein und reden über die Apokalypse. Ein Vater sagt, schon in den Achtzigern habe er mit dem Ende gerechnet, nun sehe er die Zukunft noch schwärzer. Ein Zweiter stimmt ein. Er denke darüber nach, für den Fall des Falles eine Hütte zu kaufen, möglichst weit weg, mit Obst und Gemüse im Garten. Ein Dritter, der dabeisteht, nickt ganz selbstverständlich, als gehe es, wie sonst so oft, um Berliner Immobilienpreise oder die neuesten Serien bei Netflix. Und während die Väter den Kollaps herbeireden, singen die Amseln, und das Wasser glitzert sehr gemütlich in der Spätsommersonne.

Ich hätte eigentlich mitmachen können. Ich bin Pessimist, ich sehe Dinge negativ. Oft laufen meine Sätze, wie einer Schwerkraft gehorchend, auf Einwände und Bedenken hinaus, und wenn sich mal partout nichts aussetzen lässt, ende ich trotzdem mit einem unbegründeten "Aber ...", weil ich von der Skepsis nicht lassen kann. Doch nun, da ich sehe, dass selbst lebensbejahende Menschen meinen, die Welt befinde sich am Abgrund, möchte ich zaghaft widersprechen: Ich weiß genau, wie ihr euch fühlt. Aber ...

Aber ich verstehe nicht, was mit einem Mal so schlimm sein soll, es geht uns doch relativ gut. Und damit meine ich nicht bloß Weißwein trinkende Kindergartenväter, sondern die meisten Bürger westlicher Länder. Der Harvard-Professor Steven Pinker hat ein Buch darüber geschrieben, wie viel friedlicher die Welt in den vergangenen Jahrhunderten geworden ist. Gewalt heißt es, ein gutes Buch, bloß ein bisschen zu vollgestopft mit haarsträubenden Beschreibungen der Gräueltaten, die Steinzeitmenschen, alte Römer und mittelalterliche Ritter begangen haben. Als Kulturoptimist weiß Pinker offenbar sehr genau, dass ihm Statistiken allein nicht genügen, er muss das Beweismaterial anschaulich machen. Und trotzdem glaubt ihm keiner.

Die Stimmung hat sich gedreht. Viele Leute, die ich kenne, lesen plötzlich Dystopien, vor zehn Jahren war das noch ein Fachbegriff, den bloß Literaturwissenschaftler kannten. Eine Freundin von mir denkt laut darüber nach, ihr wassernahes Haus zu verkaufen, denn sie fürchtet den Anstieg des Meeresspiegels. Dabei hat sie noch einige Meter Platz nach unten. Als Spinner gelten nun nicht mehr die Prepper, die sich akribisch auf das Ende vorbereiten, sondern die anderen, die sorglos und scheinbar naiv vor sich hin leben. Woher kommt diese Weltuntergangsstimmung, die selbst die Angehörigen der bürgerlichen Mitte erfasst hat?

Einen klaren Bruch, einen einzigen Wendepunkt gab es nicht, eher schon eine Häufung schlechter Nachrichten. Die Kriege, die Terroranschläge, die neuen Autokraten – und die Tatsache, dass ausgerechnet die Amerikaner vor einem Jahr einen Mann zum Präsidenten gewählt haben, der mit künftigen Katastrophen zu liebäugeln scheint. Dazu kommt noch das Wetter, die immer öfter auftretenden tropischen Wirbelstürme, die ganze Landstriche verwüsten, und ihre deutschen Verwandten, die Egon oder Herwart heißen und ein bisschen harmloser sind. Selbst dem Sonnenschein ist nicht mehr zu trauen. Mitte Oktober, als ein paar Tage lang klares Herbstwetter war, hieß es, ein Hurrikan aus dem Westen habe den Himmel über Berlin freigeweht, und schon kam einem das schöne Wetter so giftig vor wie ein Fliegenpilz.

Vielleicht vertragen wir schlechte Nachrichten einfach nicht mehr. Wir glaubten schon, darüber hinweg zu sein. Ich habe in den Neunzigern studiert und bin mit der Idee erwachsen geworden, dass die liberale Weltordnung gesiegt habe. Dass die Menschheit auf der langen Reise zu Demokratie, Menschenrechten und einer besseren Welt ihr Ziel erreicht habe. Diese Idee war eine Fiktion, ein schöner Traum, das wissen wir nun, wir sind erwacht und kommen damit nicht zurecht.

Bloß ist die gegenteilige Vorstellung, dass die Erde deshalb zugrunde gehen müsse, auch eine Fiktion. Und diese Fiktion hat eine irrationale Kraft, sie ist im kollektiven Unbewussten tief verankert, sie geht bis zur jüdischen Apokalyptik und den Texten des Neuen Testaments zurück. Seuchen und Plagen. Ins Meer stürzende Berge. Die Völker von Gog und Magog. Ist Donald Trump nicht wie gemacht für die Rolle des Antichrist? Als Al Gore neulich in Berlin war, um sein Klimawandel-Sequel Immer noch eine unbequeme Wahrheit vorzustellen, sagte er, die steten Nachrichten von "Dürre, Flut und Feuer" erinnerten ihn an die Offenbarung des Johannes.