Steig schnell aus dem Bus. Lauf rasch weiter. Trödel nicht. Geh über die Straße, die Erdpiste entlang, durch den leeren, dunklen Markt. Bleib nicht stehen, wenn dich die Betrunkenen rufen, die Aggressiven und Notgeilen. Sie wissen, woher du kommst. Der Fabrikpass baumelt ja um deinen Hals, und noch immer trägst du das rosa Kopftuch, das du bei der Arbeit aufziehen musst. Renn, wenn die Männer auf dich zutorkeln, renn, so schnell du kannst, über die Schlaglöcher, die Pfützen und Gruben hinweg. Pass auf, dass du nicht stolperst. Und selbst wenn du stolperst, renn weiter.

Das sind die Sätze, die Tigist in ihrem Kopf hin und her schiebt, wenn sie von der Spätschicht nach Hause geht.

Die Näherin

Es ist 22.45 Uhr, als Tigist, ein Mädchen von 18 Jahren, die Haare zu dünnen Zöpfen geflochten, aus dem Fabrikbus steigt. Sie ist müde, so viel wie heute hat sie noch nie genäht. 150 Hosen, das sind 300 Hosensäume. 300-mal das Ende des Hosenbeins sorgfältig umschlagen, dann mit der Maschine eine saubere Naht setzen, erstes Bein, zweites Bein. Stundenlang. Nie hat Tigist eine ganze Hose genäht, sie kann nur den Saum. Die Hosen, die Tigist und ihre Kolleginnen nähen, werden später in H&M-Läden in vielen Ländern der Welt hängen. Schwarz, Casual Chic, 14,99 Euro.

"Made in Ethiopia" steht auf dem Etikett, innen am Hosenbund. Es ist eine Hose, die Männer fast immer anziehen können, egal ob sie zur Arbeit gehen, zur Uni oder zu einem Date. Das macht sie so praktisch, aber darüber denkt Tigist nicht nach. Genau wie die meisten Männer in den Einkaufsstraßen von New York, Berlin und Singapur nicht darüber nachdenken, wer wohl den Saum ihrer Hose genäht hat.

Neben Tigist geht ihre Freundin, die auch in der Fabrik arbeitet. Gemeinsam eilen sie über den Weg durch die Dunkelheit, vorbei an Schuppen aus Wellblech und Holz. Da vorne steht eine Straßenlaterne, da ist es heller, dann noch eine. Dann keine mehr. Tigist hält jetzt ein billiges Mobiltelefon in der Hand, dessen Display einen Streifen Licht spendet.

Plötzlich ein Geräusch. Ein Umriss zwischen den Bäumen. Aber diesmal sind es keine Betrunkenen, nur ein paar Hyänen, die im Dunkeln nach Abfällen suchen. Manchmal kommen sie in der Nacht aus den Bergen herunter an den Stadtrand.

Tigist und ihre Freundin erreichen einen Wellblechzaun, sie öffnen ein Tor und überqueren einen kleinen Hof, an dessen Ende ein flaches steinernes Haus steht. In diesem Haus ist ein Zimmer mit eigener Tür, nicht groß, sechs Quadratmeter vielleicht. Ein paar Teller und Töpfe stehen herum, ein Wasserkanister, ein wenig Feuerholz. Auf dem Boden liegt eine Matratze, die teilen sie sich zu dritt, drei Frauen, drei Näherinnen.

An den Wänden hängen Plastiktüten, darin verwahren sie ihren Besitz. Es ist nicht viel, ein wenig Seife, ein bisschen Haaröl, über einer Wäscheleine hängen Kleider, damit ist das Zimmer schon voll. Ein zerschlissenes Tuch vor dem Fenster soll die Kälte der Nacht draußen halten. Zum Kochen gehen die Frauen in den Hof, dort ist eine Feuerstelle, in einer Ecke neben dem Haus können sie sich waschen.

1.055 Birr im Monat verdient Tigist in der Fabrik, umgerechnet 32,36 Euro, für acht Stunden Arbeit am Tag, sechs Tage die Woche, Schichtdienst, keine Urlaubstage. Kaum mehr als ein Euro pro Tag. Davon kauft sie Linsen und Hirse, manchmal ein wenig Gemüse und was sie sonst noch zum Leben braucht. Wenn das Geld mal wieder nicht reicht, leiht sie sich ein paar Scheine von den Händlern in ihren Schuppen. 200 Birr im Monat, 6,14 Euro, kostet ihr Platz im Zimmer. Sie hat Glück. In der Innenstadt von Awassa müsste sie doppelt so viel bezahlen.

Awassa hat 300.000 Einwohner. Wohlhabendere Äthiopier machen hier Urlaub. Die Stadt liegt auf 1.700 Meter Höhe an einem See, die Promenade ist gesäumt von Cafés und Fischrestaurants. In den Wipfeln alter Bäume turnen Affen. Es gibt saubere, schöne Viertel in Awassa, zum Beispiel das Villeneck am See, und es gibt die Siedlungen am Stadtrand wie die, in der Tigist wohnt.

An den nackten schlecht verputzten Wänden in ihrem Zimmer haben die Frauen ein paar fotokopierte Blätter aufgehängt, darauf stehen Zeilen aus der Bibel.

Jeremia, Kapitel 40, Vers 4: "Und nun siehe, ich habe dich heute losgemacht von den Ketten, womit deine Hände gebunden waren."

1. Korinther-Brief, Kapitel 10, Vers 12: "Darum, wer meint, er stehe, soll zusehen, dass er nicht falle."

Tigist sitzt jetzt in dem Zimmer auf der Matratze. Sie hat von ihrem Leben erzählt, mit leiser Stimme und vorsichtigen Worten, die auf einmal sehr entschlossen wirken, als sie sagt, dass sie sich vor allem eines wünsche: zu lernen, wie man eine Hose näht, eine ganze Hose, nicht nur den Saum an den Beinen.

Tigist sagt: "Hier ist es besser als da, wo ich herkomme."

Globalisierung - Günstige T-Shirts kommen aus Äthiopien Niedrige Produktionskosten locken Modehersteller ins arme Äthiopien. Auch Tchibo lässt dort herstellen. Für ZEIT ONLINE hat Simona Foltyn im Jahr 2014 in Addis Abeba eine Textilfabrik besucht.