Großes Medienthema in diesen Tagen: Ist die AfD-Politikerin Doris von Sayn-Wittgenstein wirklich adelig? Die einzig korrekte Antwort auf diese Frage lautet: Wen kümmert’s?

Frau von Sayn-Wittgenstein ist politisch uninteressant. Sie hat auf dem Parteitag der AfD für einen Augenblick eine in jeder Hinsicht bescheidene Rolle gespielt. Wenn jetzt, wie zuletzt im Spiegel, danach gefragt wird, woher die Frau eigentlich ihren Nachnamen hat, ob der sozusagen "aus dem Blut" kommt oder irgendwie anders erworben wurde, dann geht es um keine Frage genuin politischen Interesses. Sondern darum, der Frau irgendwie am Zeug zu flicken.

Das ist armselig. Ein zentraler Grund, gegen die AfD zu sein, ist doch, dass Menschen in dieser Partei schwachsinnige, längst überkommene Kategorien wie Abstammung und Herkunft wieder zum Maßstab erheben wollen. Nun übernehmen Gegner der AfD genau diese Kategorien, um der Partei zu schaden. Sie begeben sich in die verquere Logikwelt der Deutschnationalen, um nach der Reinheit der Kandidatin zu fragen, nach dem Bläuegrad ihres Bluts.

Kein Mensch würde wissen wollen, woher genau der Name einer Grünen kommt. Bei Frau von Sayn-Wittgenstein von der AfD aber ist man sich für die Frage nicht zu schade. Auch so wird diese Partei zur Gefahr: Durch die Bereitschaft ihrer Gegner, sich im Kampf gegen rechts jenem Denken zu nähern, das sie eigentlich so verabscheuen.

Als Teenager sah ich in irgendeiner Kneipe mal einen Antifa-Sticker, auf dem stand zu lesen: "Nazis ins Gesicht spucken". Das klang mir richtig. Wenn ein Nazi an jeder Ecke beschimpft und bespuckt wird, dann überlegt er sich das mit dem Nazisein vielleicht noch mal. Und ich gestehe, dass ich das heute nur unwesentlich anders sehe. Ich halte es jedenfalls mit Karl Popper: Die Offenheit unserer Gesellschaft muss da aufhören, wo sie grundsätzlich infrage gestellt wird. Null Toleranz für Intoleranz. Das ist nicht paradox, sondern vernünftig. Nur bei dem Ins-Gesicht-Spucken, da habe ich Zweifel. Es geht mir um die komplizierte Frage, welches Maß an Härte, an Gnadenlosigkeit legitim ist im Kampf gegen einen Gegner, von dem man ahnt, dass er Ärgstes im Schilde führt.

"Der AfD ins Gesicht spucken", so weit geht das Fragen nach der Herkunft von Frau von Sayn-Wittgenstein sicher nicht. Aber was war, als man öffentlich machte, dass eine AfD-Politikerin früher als Prostituierte gearbeitet hat? Oder das Auto von Frauke Petry anzündete? Was ist, wenn man, wie zuletzt das "Zentrum für politische Schönheit", Gentests von Björn Höcke veröffentlicht?

Das ist Kampf ohne Bandagen. Ist das okay? Stellen Sie sich vor, Höcke käme zu echter Macht – es gibt Grund zur Annahme, dass er mit seinen Gegnern noch weniger zimperlich umgehen würde als die mit ihm. Darf man, muss man daher nicht jetzt schon mit aller Härte gegen ihn und seine Konsorten vorgehen?

Ich glaube halt: Nein. Jetzt noch nicht und hoffentlich auch niemals. Die offene Gesellschaft führt derzeit doch einen asymmetrischen Krieg gegen die AfD. Als kultureller Hegemon ist die offene Gesellschaft ungleich stärker, mächtiger als diese Randpartei. In asymmetrischen Kriegen muss der Stärkere vorsichtig agieren, wenn er im Kampf gegen den Schwächeren nicht brutal erscheinen und dadurch an Legitimität verlieren will.

Anders gesagt: Es wird derzeit ja viel die Frage gestellt, wie man "mit Rechten reden" soll. Es wird "Dialog" gefordert. Ich kann der AfD keinen "Dialog" anbieten, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ich zu ernsthaften Kompromissen bereit wäre. Die einzige Möglichkeit, die Rechten abzuschaffen, ist durch Überzeugungsarbeit.

Und man wird keinen Rechten für die offene Gesellschaft gewinnen, indem man nach der Herkunft seiner Rädelsführer fragt, sie mit Schmutz bewirft, ihre Autos anzündet, sie terrorisiert.