Die Killer leben unter ihnen. Sie sind Nachbarn. Jeder kennt sie, denn sie haben ihre Arbeit auf offener Straße verrichtet. Um zum Opfer zu werden, braucht es nicht viel. Es reicht, ein wenig zu entschieden bessere Wohnbedingungen einzufordern. "Mit einem Satz wie ›Hier tropft das Wasser‹ kannst du dein Todesurteil unterschreiben", sagt einer, der den Mördern um Haaresbreite entkommen ist. Jeder kennt die Auftraggeber: "Unser Feind ist die Stadtverwaltung", sagt der Mann. Weder er noch ein anderer Anwohner will namentlich genannt werden – zu gefährlich.

Glebelands Hostel, eine große Siedlung in der Stadt Durban, Provinz KwaZulu-Natal, Südafrika. Der Pfarrer lässt den Wagen im Schritttempo an roten Klinkerbauten vorübergleiten. Sie stehen auf einem Hügel, von dem man einen fantastischen Blick auf die Stadt hat: auf Durban am Indischen Ozean, mit seinen großartigen Stränden und seiner pittoresken Kolonialarchitektur.

Auf dem Hügel ist nichts pittoresk. Zerbrochene Fenster, vom Sturm abgedeckte Dächer, Müllhaufen, die seit Wochen nicht abgeholt wurden. In Glebelands Hostel leben 23.000 Menschen, alle schwarz, die Arbeitslosigkeit, schätzt der Pfarrer, liegt bei 80 oder 90 Prozent.

"Hier", sagt der Pfarrer und deutet auf die Nelson-Mandela-Statue am Eingang, "da haben sie einen erschossen." Er fährt ein paar Meter weiter. "Dort, am Restaurant, ebenso." So geht es weiter, Tatort um Tatort. 96 Anwohner wurden seit dem Frühjahr 2014 ermordet, unter ihnen auch eine Schwangere. Und fast immer sind die Mörder davongekommen. Ein einziger Täter wurde bisher verurteilt, sieben weitere sind derzeit angeklagt. "Der Grund dafür, dass es so wenige Verurteilungen gibt, ist, dass die Polizei ihre Arbeit nicht macht", sagt Mary de Haas vom Violence Monitor, einem Projekt an der Universität von Natal, das aus Forschungen zur politischen Gewalt hervorgegangen ist. "In vielen Fällen ist die Polizei in die Morde involviert."

Die Hostels waren eine Erfindung der Apartheid, man könnte auch sagen: ihr Inbegriff. Politiker der Apartheid wollten die Schwarzen aus den Städten vertreiben, brauchten aber ihre Arbeitskraft. Zum Beispiel für das große Industriegebiet am Fuße des Hügels. Also wurden schwarze Männer in sogenannte Hostels gezwängt wie Nutzvieh, wo sie arbeiten, schlafen, arbeiten sollten, monatelang von ihren Familien getrennt. "Natürlich haben wir hier alle an der Seite des ANC für den Wandel gekämpft", sagt der Pfarrer. An der Seite der stolzen Partei Nelson Mandelas. Und als der Wandel endlich kam und Mandela 1994 Präsident wurde, da hofften sie auf eine gute Zukunft, auf Versöhnung, auf ein friedliches Zusammenleben trotz der schrecklichen Vergangenheit.

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Doch heute sagt der Pfarrer: "Das ist nicht die Partei, für die wir stritten. Wir wollen keinen Wandel, der uns umbringt. Wir wollen keinen ANC, der uns erschießt."

Glebelands ist ein extremer Ort, er scheint Lichtjahre von den hübschen Vierteln in Johannesburg oder Durban entfernt zu sein. Genau deshalb ist es einer, an dem sich beobachten lässt, was geschieht, wenn Institutionen kollabieren. Wenn Strafvollzugsbehörden nicht mehr richtig arbeiten und die Starken tun können, was sie wollen. Wenn eine Partei ihre Ideale verrät und damit auch jene, für die sie doch versprochen hatte zu kämpfen.

Im Jahr 2009 wurde Jacob Zuma zum Präsidenten Südafrikas gewählt. Bereits ein Jahr später warnte Zwelini Vavi, ein einstiger Verbündeter: "Wir sind dabei, zu einem Raubtierstaat zu werden, in dem eine reiche, korrupte und demagogische Elite politischer Hyänen den Staat dazu nutzt, sich zu bereichern." Keiner kann sagen, wie viel Geld Zuma mithilfe einer Gruppe von Unternehmerfreunden, den indischstämmigen Gupta-Brüdern, außer Landes geschafft hat. Der frühere Finanzminister Pravin Gordhan schätzt die Summe auf 100 Milliarden Rand (etwa 6,2 Milliarden Dollar). Der Präsident hatte Gordhan im März durch einen weniger kritischen Mann ersetzt. Heute ist Gordhan noch einfacher Abgeordneter.