Es gibt heute keine Idee von Deutschland, die den Holocaust nicht mitdenkt. Das zu sagen ist kein Sündenstolz, keine ewig gramgebeugte Fixierung auf das "Dritte Reich". Es ist bloß eine relativ schlichte Beschreibung dessen, was die Identität dieser Republik im Innersten ausmacht. Der Völkermord und die Erinnerung daran, die Anerkennung des Existenzrechts Israels, die Aussöhnung in Europa, die Westbindung – das sind die konstituierenden Elemente der bundesdeutschen Politik aller Regierungen seit 1949.

Sie haben dieses Land geprägt, sie unterscheiden es von anderen Ländern, die ein ungebrocheneres, man könnte bei manchen auch sagen: unreflektierteres Verhältnis zu ihrer Geschichte haben. Ebendeshalb steht im Zentrum Berlins kein Denkmal für militärische Siege, sondern das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Ein gigantischer Stolperstein, ein Monument steter Verunsicherung.

Das alles ist ganz und gar nicht selbstverständlich, auch nicht für Deutschland. Was Angela Merkels Satz, die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson, eigentlich genau heißt, die Lieferung von U-Booten oder womöglich den Einsatz der Bundeswehr oder noch ganz etwas anderes, das ist kaum zu sagen. Es hat Jahrzehnte gebraucht und unendliche Debatten der Selbstverständigung, um diesen Konsens zu schaffen, und er bleibt fragil. Für Rechte ist er eine konstante Provokation, für Linke ein ewiger Auftrag zu Volkspädagogik und Misstrauen gegen die vermeintlich verführbaren Massen: "Der Schoß ist fruchtbar noch" und so weiter.

Umstrittenes Land

Ir Amim, Stand: April 2017 © ZEIT-Grafik

Höchst verwundert schauen Ausländer auf diesen deutschen Verantwortungs-Patriotismus. Er ist voraussetzungsreich, er ist viel anspruchsvoller als der traditionelle fahnenschwingende Nationalstolz, und er ist auch nicht leicht anschlussfähig. Für deutsches Bier (oder Brot), für deutsche Autos und deutschen Fußball kann sich womöglich jeder begeistern, der hier lebt, in das komplexe Verhältnis zur Vergangenheit aber muss sich ein Zugereister erst einmal eine Weile versenken, um es zu kapieren. Dass das Leugnen des Holocausts hierzulande unter Strafe steht, ist, nur zum Beispiel, für Amerikaner eine schwer nachvollziehbare Einschränkung der Meinungsfreiheit.

Das alles muss man sich noch einmal klarmachen, wenn jetzt vor dem Brandenburger Tor israelische Fahnen verbrannt werden und Demonstranten "Tod den Juden!" brüllen. Beides ist widerlich, beides ist offensichtlich antisemitisch, und wo es Volksverhetzung ist, müssen Polizei und Justiz mit aller Entschiedenheit handeln. Die enorme Empörung über diese Vorgänge aber, die Rufe nach neuen Strafgesetzen sind nur zu erklären, weil noch etwas anderes hinzukommt.

Die Sorge nämlich, dass mit den Bürgerkriegsflüchtlingen und Migranten aus muslimischen Staaten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, auch ein aggressiver, kulturell selbstverständlicher Antisemitismus und Anti-Israelismus importiert worden sei, der ähnliche Tendenzen in den türkischen und arabischen Communitys in Deutschland weiter verstärke.

Tatsächlich ist der sogenannte "israelbezogene Antisemitismus", der sich etwa in Feststellungen wie "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat" ausdrückt, auch in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet. Da sind sich "arische" und arabische Antisemiten verteufelt nah.

Genauere Erkenntnisse über antisemitische Einstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund fehlen bislang. Im Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus für den Bundestag aus dem April 2017 heißt es denn auch konsterniert: "Deutschland leistet es sich, nicht genauer wissen zu wollen, wie antisemitisch die Gesellschaft eigentlich ist." Das gilt für die Mehrheitsbevölkerung ebenso wie für die Minderheiten.