Die Regale im Arbeitszimmer der Altbauwohnung im Stadtzentrum von Lausanne reichen vom Boden bis zur Decke. 4.571 Bücher, in 350 Sprachen und Dialekten, und sie erzählen alle dieselbe Geschichte: Le Petit Prince, Der Kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry. Der Mann, dem diese weltweit einzigartige Sammlung gehört, ist Jean-Marc Probst. Jedes Buch hat der Ingenieur fein säuberlich und eigenhändig mit einer Nummer versehen. "Ich zeige Ihnen einige besondere Stücke meiner Sammlung", sagt er und zieht eine italienische Ausgabe aus dem Regal. Der Text ist ergänzt mit eigenartigen Symbolen: So verstehen Autisten die Geschichte besser. Dann hält er ein fingernagelgroßes Büchlein in der Hand, das nur mit Lupe lesbar ist, und schließlich zeigt Probst ein besonderes Stück seiner Sammlung – einen Petit Prince, den einst Che Guevara in Händen hielt, mitsamt Widmung des Comandante: "Für meinen Freund Pancho Gamin, nach den langen Jahren des Kampfes".

Als Der Kleine Prinz im Jahr 1943 erstmals erschien, ließ der Verlag von Antoine de Saint-Exupéry lediglich 260 Exemplare drucken. "Niemand ahnte, dass dieses Buch ein Welterfolg wird", sagt Probst. Heute bezahlten Sammler für Originalausgaben zwischen 50.000 und 60.000 Franken, auch er besitzt einige davon.

Mit seiner Cordhose, dem karierten Jackett über dem Gilet und dem weißen Hemd erinnert Probst inmitten seiner Bücher eher an einen Literaturprofessor als an den CEO einer Baumaschinen-Firma mit 180 Angestellten, der er tatsächlich ist. Der 61-Jährige ist einer der mächtigsten Wirtschaftsführer der Westschweiz. Er ist Vize-Präsident des Arbeitgeberverbandes, sitzt im Vorstand von Economiesuisse und präsidiert die Branchenorganisation Handel Schweiz. Sein Leben führt er jedoch nach den idealistischen Grundsätzen aus dem einen Buch, dem er seine Freizeit widmet: Der Kleine Prinz.

Es erzählt die Geschichte eines kleinen Prinzen, der seinen schönen Planeten verlässt und zur Erde reist. In der Wüste gelandet, leistet er einem abgestürzten Piloten Gesellschaft. "Auf andere zugehen, das ist die Botschaft des Petit Prince", sagt Jean-Marc Probst. Es ist auch sein Lebensmotto.

Als er Anfang der achtziger Jahre an der ETH Zürich studierte, reiste er für eine Sendung des Westschweizer Fernsehens ein Jahr lang rund um den Globus. In Tokio sah er im Schaufenster einer Buchhandlung eine japanische Ausgabe des Kleinen Prinzen. "Das Titelbild sprach mich sofort an", sagt Probst, "also ging ich rein und kaufte das Buch." Es war der Grundstein seiner Sammlung.

Bis heute sitzt Probst jeden Samstagmorgen in seinem Arbeitszimmer und widmet sich der Korrespondenz für seine Fondation Jean-Marc Probst pour le Petit Prince. Nicht nur kauft er immer neue Ausgaben und Sammlungen, nein, er lässt das Buch auch in unzählige Sprachen übersetzen. Kürzlich kam Wayuu hinzu, eine Sprache aus dem Grenzgebiet zwischen Venezuela und Kolumbien. Weil es weder ein Wayuu-Wörterbuch noch eine Wayuu-Grammatik gibt, trugen vier Übersetzer während zwei Jahren ihre Vorschläge Satz für Satz in eine Excel-Tabelle ein und diskutierten so lange, bis sie sich einig waren. Warum dieser Aufwand für ein Kinderbuch? "Der Petit Prince beschäftigt mich jeden Tag", sagt Probst, "aber nicht weil er mein ganzes Denken beherrscht, sondern weil dieser Text uns eine gewisse Empathie für das Leben vermittelt."

Diese Empathie-Lektion war es auch, die den Waadtländer Unternehmer dazu brachte, beim Bildungsminister der krisengeschüttelten Republik Somaliland persönlich vorzusprechen. Mit dabei hatte er acht Koffer mit ins Somali übersetzten Kleinen Prinzen. "Wenn Kinder dieses Buch lesen, sinkt vielleicht die Wahrscheinlichkeit, dass sie eines Tages zu den Waffen greifen." Dass diese Denkweise völlig naiv ist, räumt er im Nachsatz gleich selber ein. Seinen Glauben an eine bessere Welt lässt er sich dennoch nicht nehmen. Auch in Tibet wollte Probst sein Buch unter die Leute bringen. Er ließ den Text übersetzen, die Bücher drucken – doch die chinesische Regierung ließ seine Fracht nicht ins Land. "Weil das Buch darauf abzielt, die tibetanische Identität zu erhalten", sagt Probst.