Ich gebe es gern zu: Es gibt Momente in der aktuellen Debatte, in denen traue ich meinen Augen und Ohren nicht mehr. Ja, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, und damit immer an erster Stelle die ARD, steht massiv in der Kritik. Das ist nicht verwunderlich, denn von jeher ist er ein Politikum. Immer wieder wird über seinen Auftrag, seine Struktur und nicht zuletzt seine Finanzierung kontrovers debattiert.

Aber anstatt herauszuarbeiten, was Globalisierung und Digitalisierung für den modernen Journalismus bedeuten, spitzt sich die Diskussion auf Fragen zu, die ich nicht als die wesentlichen erkennen kann: Die Nutzer können heute am Frühstückstisch mit einem Wisch von Zeitungs- und Fernsehangeboten zu Streaming- und Social-Media-Plattformen wechseln. Doch in der aktuellen Diskussion scheint die Frage, auf welchem Weg der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Inhalte verbreitet, wichtiger zu sein als eine Verständigung darüber, was ein globaler, digitaler Journalismus inhaltlich leisten kann und soll.

Dabei höre ich die Stimmen der Zeitungsverleger am lautesten. Ihre Argumente zielen auf eine Beschränkung des öffentlich-rechtlichen Angebots im Netz, vor allem "presseähnlich" solle unser Senderverbund online nicht auftreten.

Ich halte diese Forderungen für überholt, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass natürlich auch die Verlage nicht mehr allein auf Druckmaschinen setzen, sondern mit Videos, Snaps und Ähnlichem ihr Publikum suchen.

Die Inhalte der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland gehören ebenso selbstverständlich ins Netz. Das erwarten unsere Nutzer, die durchschnittlich zweieinhalb Stunden am Tag im Internet verbringen. Hier sind Dialog und Interaktion möglich, hier hat journalistische Qualität einen Rückkanal mit kontinuierlichem Feedback. Unsere Informations-Marken geben Orientierung in Kommunikationsräumen, in denen Unübersichtlichkeit herrscht.

In den Mediatheken der Sender sollten Filme und Serien zu jeder Zeit lange verfügbar sein, das entspricht der veränderten Mediennutzung.

Die Rechtslage allerdings beschränkt öffentlich-rechtliches Engagement im Internet. Wenn die Ministerpräsidenten und -präsidentinnen in den kommenden Monaten über die Rundfunkgesetze beraten, erwartet niemand eine rechtliche Revolution, aber die Fesseln ein wenig zu lockern, das wäre überfällig. Was wir brauchen, ist eine neue Systematik der Rundfunkgesetze. Unser geltender Rundfunkstaatsvertrag ist so kleinteilig wie das Einkommensteuergesetz: Hinzu kommen Appendizes und Verbotslisten. Sie besagen, was wir auf keinen Fall im Netz tun dürfen. So haben wir nur wenige Möglichkeiten, online zu experimentieren.

Statt des "Wie" und "Wo" des Rundfunks sollte das "Was" unserer Funktion die Gesetze prägen. Folgen wir doch den immer noch gültigen Fragen der Verfassungsrichter: Welche Aufgabe hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu erfüllen? Was definiert seinen gesellschaftlichen Wert? Die digitale Zeitenwende erfordert, den Rechtsrahmen des "Rundfunks" in Deutschland neu zu fassen. Ob wir diesem Ziel näher kommen, werden die kommenden Wochen und Monate entscheiden.