Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

Ein Musiker erzählt mir, dass er mehrere Wochen im Jahr "die Kutte trage" und besitzlos in einem asiatischen Kloster wohne, angewiesen auf milde Gaben in einem Land, wo ein Leben im Überfluss die große Ausnahme ist. Das Kloster sei offen, man könne also auch zeitweise dort Zuflucht finden, in allen möglichen Notlagen oder Besinnungsphasen. Es herrsche ein strenges Schweigegebot, der Tag gehe mit den üblichen Ritualen und meditativen Übungen hin. Es werde viel musiziert.

Wie er sich dort von allen überflüssigen Dingen fernhalte, so falle mit der Zeit auch alles Überflüssige von ihm ab, er reduziere sich auf die eigene Substanz und könne später wieder darauf gründen, draußen in der bunten, lauten Welt. Das tue ihm und seiner Musik sehr gut, sagt er mir. Ich will mehr wissen, und er erzählt von einem Einheimischen, der seinen Job verloren hatte und den es nicht mehr bei seiner Familie hielt. Der zog temporär die Kutte an und war nun in einem Status, der ihn und seine Familie vor all dem schützt, was passieren kann, wenn es Mann und Frau nicht beieinander aushalten.

Vor dem Zorn und der Verachtung seiner Angehörigen ist er geschützt, denn Kuttenträger werden respektiert. Auch vor dem Leben eines Obdachlosen oder Kriminellen und vor der dazugehörenden Selbstverachtung. Er wurde sogar von Frau und Kindern besucht.

Als jemand, der momentan keine Perspektive in der Außenwelt hat, bleibt ihm immer sein Platz bei den Büßern und Betern, die nicht betteln müssen, weil ihr Kloster mit guten Gaben beschenkt wird. Die dürften sie nicht horten und länger als sieben Tage aufbewahren, weil sie ja nichts besitzen sollen als das Lebensnotwendige. Sie leben in Demut am untersten Rand der Gesellschaft, sie separieren sich, weil oder bevor sie von den anderen ausgestoßen werden. Sie büßen und beten für alle, halten die strengen Regeln und sind dafür in ihrer Armut geachtet.

– Die Armen achten? Haben wir nur keine Form dafür oder können wir uns das nicht leisten? Haben wir keine Form, weil wir es uns nicht leisten können? Brauchen wir die tägliche Demonstration von menschlichem Elend, von Selbstverachtung, von Heruntergekommenheit im öffentlichen Raum, um dies fragile Prestige der Leistungsträger aufrechtzuerhalten? Unsere Armen müssen sich schämen, wenn sie ihre Existenz zu erklären haben vor den Ämtern, als Bettler in der U-Bahn. Die Kuttenträger müssen sich nicht erklären, sie dürfen schweigen.