Wie Au-pairs die Kindererziehung in deutschen Familien erleben

"Belohnungspunkte fürs Artigsein"

Meine Gasteltern haben mir den Rat gegeben: "Krieg bloß nicht zu spät Kinder!" Mein Gastvater ist 46, die Gastmutter 41 Jahre alt, und manchmal, das sagen sie selbst, fehlt ihnen die Energie für drei kleine Kinder. Die Mutter ist gerade in Elternzeit, bleibt zwei Jahre zu Hause und möchte danach unbedingt wieder zurück in den Job. Das betont sie sehr, und ich merke, wie wichtig ihr das ist. Ihr Mann ist Investor, er arbeitet selbstständig. Unter der Woche hat er kaum Zeit für die Kinder. Morgens bringt er sie zur Vorschule, und abends versucht er vorzulesen.

Ich denke, die Kinder in meiner Gastfamilie wachsen sehr privilegiert auf, gleichzeitig ist ihr Alltag absolut durchgetaktet. Zweimal in der Woche haben sie Russischunterricht, zweimal Sport, der Älteste beginnt gerade, ein Instrument zu lernen. Es gibt einen genauen Zeitplan, damit alles funktioniert. Wenn ein Kind plötzlich krank wird, bedeutet das Stress. Dann muss auch der Vater mal Termine absagen. In solchen Situationen bin ich als Unterstützung wichtig. Ich springe dann ein und arbeite mehr als sonst.

Bei der Erziehung ihrer Kinder arbeiten die Eltern mit einem Belohnungssystem – fast wie in einer Firma. Wenn die Kinder artig sind, bekommen sie einen Belohnungspunkt. Wenn sie nicht hören, wird ein Punkt abgezogen. Bei 20 Punkten bekommen sie ein kleines Geschenk. Das finde ich ziemlich ungewöhnlich. Ich selbst bin mit neun Geschwistern aufgewachsen, da musste jeder viel Verantwortung übernehmen. Gleichzeitig sind alle aber auch unabhängiger. Mein 14-jähriger Bruder kann selbst entscheiden, wann er seine Hausarbeiten macht, oder was er am Nachmittag oder am Wochenende unternimmt. Sein Alltag ist weniger kontrolliert.

"Es dreht sich nicht alles um die Kinder"

Das höchste Gut in meiner Gastfamilie ist der respektvolle Umgang miteinander. Die Kinder lernen, dass sie zu jedem Menschen höflich und offen sein müssen, egal, von wo er kommt. Einmal hat Marlene sich über einen Freund ihres Bruders lustig gemacht, der nicht so gut Deutsch kann. Meine Gastmutter hat sich sofort eingeschaltet und sie zurechtgewiesen. Auch über Politik sprechen die Eltern regelmäßig mit den Kindern. Nach der Bundestagswahl wurde schon den Jüngeren erklärt, wofür die AfD steht und was die Eltern an ihrem Programm problematisch finden.

Dass sich nicht alles um die Kinder dreht, darauf achten meine Gasteltern sehr. Beide gehen ihren Hobbys nach, die Mutter singt in einem Chor, der Vater spielt in einer Brassband. Ich glaube, auch deshalb haben sie schon viele Au-pairs gehabt, ich bin das siebte. Sie holen sich Unterstützung, um Zeit für sich zu haben.

Die Rollenverteilung ist in meiner Gastfamilie recht klassisch: Der Vater ist häufig geschäftlich unterwegs, auch meine Gastmutter muss ab und zu beruflich verreisen. Aber sie kümmert sich um den Haushalt, kontrolliert die Hausaufgaben der Kinder. Einmal hat sich Marlene so sehr mit ihrer Freundin gestritten, dass die Mädchen allein keine Lösung mehr finden konnten. Da hat die Mutter das in die Hand genommen und alle an einen Tisch geholt. Ich fand das gut von ihr.

Marlene und Justus müssen regelmäßig im Haushalt helfen. Wenn sie maulen und keine Lust haben, zwingen die Eltern die Kinder aber nicht. Als die Tochter einmal nicht Laub harken wollte, haben sie ihr angeboten, später etwas Schönes zu unternehmen, wenn sie es doch täte. Das hat funktioniert. Ich habe überlegt, ob das Bestechung war. Aber ich denke, ich würde es eher Verhandeln nennen.

"In Italien wird mehr erlaubt"

Was mir gleich aufgefallen ist: Es gibt ziemlich viele Regeln in dieser Familie. Die drei Großen dürfen ihre Zeit immer erst dann frei nutzen, wenn sie ihre Hausaufgaben erledigt haben. Nach dem Essen darf niemand auf sein Zimmer gehen, ehe er nicht geholfen hat, den Tisch abzuräumen. Und für alle vier Kinder gilt: Unter der Woche geht es gegen acht Uhr ins Bett. Die Großen sind schon 15 und 16 Jahre alt. Ob ich das in diesem Alter noch mit mir hätte machen lassen? Ich denke, in Italien wird den Kindern mehr erlaubt.

Nur selten gibt es Streit, wenn ein Kind doch mal protestiert. Die Eltern bleiben ruhig, schreien nicht rum. Auch wenn die Kinder untereinander zanken, halten sie sich erst einmal raus. Nur wenn der Konflikt nicht lösbar ist, vermitteln sie zwischen den Streithähnen. Manchmal merke ich meinen Gasteltern an, wie anstrengend das Leben mit zwei Jobs und vier Kindern ist. Nachmittags ist die Mutter zwar bis auf einen Tag in der Woche zu Hause, aber der Vater ist oft tagelang gar nicht da, weil er in Berlin arbeitet. Weil die drei älteren Kinder einen anderen Vater haben, verbringen sie jedes zweite Wochenende bei ihm. Die Patchworkfamilie funktioniert gut. Dass es nicht der leibliche Vater für die älteren Kinder ist, merkt man nur daran, dass sie nicht Papa sagen. Er behandelt alle Kinder gleich.

Es gibt viele Rituale in der Familie, die für mich neu waren. Zum Beispiel die Geburtstage! Die haben hier eine ganz andere Bedeutung als in Italien. Gleich an meinem ersten Morgen haben wir die Gastmutter hochleben lassen. Der Papa, die Kinder und ich haben ihr einen Kuchen gebacken, das Frühstück gemacht und gesungen. Alle wollten ihr das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein.

"Das Einzige, was sie verbieten, ist Fernsehen"

Vor wenigen Wochen erst kam Fabian auf die Welt. Ich glaube, seine Eltern haben ein bisschen Angst, dass sie durch das Baby nicht mehr genügend Zeit und Aufmerksamkeit für den großen Bruder übrig haben. Deshalb haben sie mich in die Familie geholt. Der zweijährige Daniel soll weiterhin das Gefühl haben, im Mittelpunkt zu stehen. Alle bemühen sich sehr, dass sich Daniel nicht zurückgesetzt fühlt. Wenn die Mutter das Vorlesen unterbrechen muss, weil der Kleine schreit und Hunger hat, dann redet sie mit ihm wie mit einem Erwachsenen und versucht alles genau zu erklären. So viel Einfühlungsvermögen hat mich überrascht.

Man spürt in dieser Familie, wie sehr sich alles um die Kinder dreht. Für Hobbys hat meine Gastmutter im Moment gar keine Zeit, der Gastvater geht einmal in der Woche schwimmen und joggen. Er arbeitet sehr viel. Mit Daniel sind die Eltern nicht wirklich streng. Er darf viel. Wenn er das Werkzeug von seinem Papa ausprobieren will, kann er das tun. Wenn er die Kaffeemaschine anmachen will, darf er das. Ich denke, so wollen die Eltern seine Neugierde fördern, aber auch Stress vermeiden und verhindern, dass er sich aufregt, weil er nicht bekommt, was er will.

Das Einzige, was sie Daniel wirklich verbieten, ist fernzusehen. Das durfte er bisher nur einmal, als er krank war. Die Eltern achten auch sehr darauf, dass Daniel nur Kleidung aus Bio-Baumwolle trägt und die Zutaten für sein Essen frisch vom Wochenmarkt oder aus dem eigenen Gemüsegarten kommen. Wann immer sie Zeit haben, geht es nach draußen an die frische Luft. Das kenne ich aus amerikanischen Familien gar nicht. Für mich ist hier vieles absolut neu, und ich sehe, dass sich die Eltern sehr viel Druck machen, damit es den Kindern gut geht. Die Kinder haben immer Priorität.