Man vergleicht die Mode oft mit einem Karussell, doch derzeit funktioniert sie wie ein Paternoster. Es geht nicht im Kreis, sondern auf und ab. Bei den großen Marken steigen die tonangebenden Designer umstandslos ein und aus. Nur wenige riskieren die Fahrt bis in den sperrholzvernagelten Keller, auch wenn der Hinweis "Weiterfahrt ungefährlich" dazu ermutigen kann. Selbst Lichtgestalten wie Coco Chanel, Tom Ford oder Donatella Versace sind unbeschadet wieder aus ihm aufgetaucht. Auf dem Weg nach oben befinden sich gerade die neuen Jil-Sander-Designer Lucie und Luke Meier. Das Ehepaar scheint sich seiner volatilen Position bewusst zu sein, brachte es doch gleich im ersten Werbefilm der Marke einen Paternoster unter, in dem ein Paar heftig stritt.

Regisseur der in Berlin gedrehten, sukzessive online gehenden Episoden ist kein Geringerer als Wim Wenders. Schon im Trailer findet man Zitate seiner Meisterwerke: eine Frau, die Nastassja Kinskis rückseitig tief ausgeschnittenen pinken Pullover aus Paris, Texas trägt, Wim Wenders’ Lieblingsinstrument, die Jukebox, und den in Der Himmel über Berlin kultivierten Blick aus der Engelsperspektive, die heute eine Drohnenperspektive ist und bei Nacht das voll verglaste, hell erleuchtete Privatleben moderner Hochhausbewohner ausspioniert.

Doch das sind längst nicht alle Zitate. Wenders’ hochassoziative Bildwelt nimmt auch Tuchfühlung mit Jil Sander selbst auf, die ihre Anteile an der gleichnamigen Marke verkaufte, seit vier Jahren nicht mehr für sie arbeitet und vor einem Monat ihre erste Ausstellung in Frankfurt/Main eröffnete. Obgleich vor diesem Termin gedreht, scheint Wenders’ Film auch darauf anzuspielen. Denn im Frankfurter Hotel der geladenen Gäste, unter denen sich alles einfand, was Jil Sander auf ihrer unkopierbaren Karriere in den Modehimmel begleitet hat, gab es gleichfalls einen Paternoster. Und bei Wenders’ erster Einstellung, die eine sich uns zuwendende junge Frau an einem See zeigt, mag Ausstellungsbesuchern ein Drohnenfilm einfallen, der Jil Sanders norddeutsche Gartenanlage vorführt. Jüngere Porträts der Hamburgerin sind rar, doch dort sieht man sie in Caspar-David-Friedrich-Pose an einem Seeufer stehen. War es Wim Wenders’ sechster Sinn, oder gehört es einfach zum geheimnisvollen Zeitgeist, auf den sich Designer gern beziehen, dass gerade die Kleinigkeiten in künstlerischen Produktionen so hellsichtig sind?

Der Credit des Films lautet "Paused by Wim Wenders", eine interessante Wortwahl, die sich auf die abrupten Schnitte bezieht. Unter Wenders’ Regie ergibt das fabelhafte Standfotos, die auch in Magazin-Annoncen auftauchen sollen. Ähnlich spielerisch hat Jil Sander ihr Catwalk-Videomaterial für die Ausstellung geschnitten, die Präsens heißt. Sie scheint sich mit Wenders wie auch mit ihren Designer-Nachfolgern einig zu sein, dass es weniger auf den Verlauf der Dinge ankommt als auf den empfindlichen Moment, der Vergangenheit und Zukunft zusammenhält und gelegentlich auch entzweit.

Lucie und Luke Meier sind wild entschlossen, bei Jil Sander beides zu verknüpfen. Anders als viele Kollegen, die der bloße Gedanke erschaudern lässt, sich mit den Gründern der von ihnen repräsentierten Marke ins Einvernehmen zu setzen, kamen sie nicht nur zur Frankfurter Eröffnung, sondern brachten auch den amerikanischen Dokumentarfotografen Larry Fink mit und posteten seine Bilder auf Jil Sanders Instagram-Seite. Man möchte noch viel mehr von dieser Pause im Lauf der Zeiten sehen, vom Paternoster-Stopp, an dem die, die aus-, und die, die einsteigen, sich offenen Auges begegnen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio