Wenn ein Gehbehinderter im 100-Meter-Rennen gegen einen durchtrainierten Athleten antreten müsste, hieße es: Ungerecht! Machte man dann für die Niederlage des Gehbehinderten dessen Trainerteam verantwortlich, wäre das: absurd. Und wenn nach jahrelangen Beschwerden der Lahme nur einen Startvorsprung von zwei Metern bekäme, würde man sagen: Lächerlich!

Genau so funktioniert in Deutschland Schule.

Zum Wettlauf um die beste Bildung gehen die Schüler mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen an den Start. Manche sind von Haus aus bestens trainiert, andere humpeln mit großen Handicaps zur Einschulung. Woher auch immer sie kommen, verantwortlich gemacht für Erfolg oder Scheitern wird am Ende die Schule. Das Dilemma ist seit Jahren bekannt. Nur geändert hat sich daran kaum etwas.

Nehmen wir Essen. In kaum einer anderen Stadt ist der Abstand zwischen Arm und Reich so groß. Die A 40 teilt die Metropole wie eine soziale und ethnische Grenze. Im Norden lebten die Menschen einst vom Stahl, heute leben viele vom Staat. Hier liegt die Hüttmann-Grundschule, eine "Schule in herausfordernder Lage", wie es offiziell heißt. Die Schülerschaft ist "bunt gemischt". Konkret bedeutet dies: Eine Hälfte der Schüler hat einen türkischen oder arabischen Pass, die andere Hälfte einen deutschen Pass und meist Migrationshintergrund. Zwei Drittel der Eltern beziehen Hartz IV.

Die Erstklässler der Hüttmann-Schule sprechen meist schlecht Deutsch. Manche haben es weder gelernt, einen Stift zu halten noch still zu sitzen. Ihnen fehlen viele "schulische Vorläuferkompetenzen", wie Entwicklungspsychologen das nennen würden. Für die Lehrer heißt das: Sie können mit dem Unterrichtsstoff nicht sofort beginnen – und hecheln dem Lehrplan vom ersten Tag an hinterher. Dank des großen Engagements des Kollegiums schaffen jedes Jahr ein paar Schüler den Sprung aufs Gymnasium, die meisten jedoch gehen auf die benachbarte Gesamtschule.

Im Süden der Stadt lebt das bürgerliche Essen. Je weiter man sich vom Sozialäquator A 40 entfernt, desto schöner werden die Häuser. Dort liegt – nicht weit von der ehemaligen Familienvilla der Krupps – in einem großen, weißen Gebäude die Graf-Spee-Schule. Hier sind kaum Familien auf Unterstützung angewiesen. Die wenigen Schüler aus Einwandererfamilien stammen aus Italien, Südkorea oder Mexiko. Ihre Eltern arbeiten, wie die der anderen Graf-Spee-Kinder, als Ärzte, Finanzberater oder Ingenieure. Wenn Schulleiter Gerald Kreimeier und seine Kollegen hier von Förderung reden, dann denken sie nicht an "Deutsch als Fremdsprache", sondern an die Talent-AG in Mathe oder die von der Folkwang Universität der Künste organisierten Musikstunden. 46 der 48 Schüler der Graf-Spee-Schule wechselten im letzten Jahr aufs Gymnasium. Die einzige Gesamtschule im Viertel musste vor Jahren wegen Schülermangel schließen.

Herkunft bestimmt in Deutschland Zukunft. Dieser Grundsatz wurde vergangene Woche erneut bestätigt. Da zeigte die internationale Grundschulstudie Iglu: In fast keinem anderen Industrieland ist der Lernvorsprung von Kindern aus Familien mit mehr als 100 Büchern gegenüber Familien mit weniger Büchern größer als hierzulande. In puncto Chancengleichheit habe sich auch 16 Jahre nach der ersten Pisa-Untersuchung "so gut wie nichts getan", sagt Studienleiter Wilfried Bos von der TU Dortmund. "Das ist eine Schande."

Die Bildungsungerechtigkeit hat viele Gründe, einer der wichtigsten lautet: In Deutschland wird das Ungleiche vom Staat immer noch gleich behandelt. Wäre es anders, müsste es für die Schüler im armen Essener Norden ein Vielfaches mehr an Lernangeboten geben als im Essener Süden. Dann müssten die Lehrer mit den höchsten Gehältern in Berlin-Neukölln arbeiten. In Duisburg müssten die Schulen mit den kleinsten Lerngruppen im Stadtteil Marxloh zu finden sein. Überall in Deutschland müssten Grundschulen in sozial schwierigen Quartieren weit besser ausgestattet werden als ihre Pendants in gut betuchten Stadtteilen. So wie ein Gehbehinderter in einem Wettstreit gegen den trainierten Athleten nicht zwei oder drei Meter Vorsprung benötigt, sondern zwanzig oder dreißig.