Unter dem Strich gilt: Auch wenn die Kultusministerien auf unzählige Fördertöpfe, Sonderprogramme und Vorzeigeprojekte verweisen können, bedeutet das nicht, dass die benachteiligten Schulen wirklich besser ausgestattet sind. Manchmal kommen sie sogar schlechter weg, wie Horst Weishaupt am Beispiel Nordrhein-Westfalen belegt. Hier verfügt ausgerechnet das sozial hoch belastete Gelsenkirchen über weniger Lehrer, als der Stadt von der Schülerzahl her zustehen. Eine der reichsten Kommunen dagegen, nämlich Münster, erweist sich dagegen als überversorgt.

Wundert sich angesichts dieser Tatsachen also noch irgendjemand, dass die Erstklässler der Hüttmann-Schule nach zwölf oder dreizehn Jahren nicht mit der gleichen Wahrscheinlichkeit Abitur machen wie ihre Alterskameraden bei Graf-Spee? Dass die soziale Kluft zwischen den Schulen in Deutschland weiter wächst und die Schulmilieus immer homogener werden? Dass also Einwandererkinder heute häufiger neben Einwandererkindern sitzen, Mädchen aus Hartz-IV-Familien neben Jungen aus Hartz-IV-Familien – und Anwaltstöchter häufiger neben Journalistensöhnen?

Für den Lernerfolg hat diese Entmischung unmittelbare Folgen. Schulforscher sprechen von "Kompositionseffekten": Wenn in einer Klasse schwache Schüler nur mit schwachen Schülern lernen, werden am Ende alle noch schwächer. Weil die Vorbilder fehlen und keiner in der Klasse richtig Deutsch spricht oder freiwillig ein Buch liest. Und niemand mehr daran glaubt, dass im Leben etwas erreicht, wer sich in der Schule anstrengt.

Diese soziale Segregation zeigt sich besonders in den Großstädten, in Essen, Duisburg oder Köln, in Frankfurt, Stuttgart, Berlin – und auch in Hamburg. Die Hansestadt jedoch hat schon vor Jahren damit begonnen umzusteuern. Und heute zeigt Hamburg beispielhaft, wie man für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen kann.

So wollen die Schulbehörden in Hamburg alle fünf Jahre von den Schülern und ihren Eltern wissen, ob es bei ihnen zu Hause einen Rasenmäher gibt. Die Stadt fragt die Familien, ob sie ein Zweitauto und ein Zeitungsabo besitzen, wie oft sie gemeinsam ins Theater gehen, welche Sprache sie zu Hause sprechen und wie hoch das Haushaltseinkommen ist.

Mit den Fragebögen erfasst die Stadt, welches Kapital die Schüler von zu Hause mitbringen. Diese Informationen werden verrechnet und durch weitere Strukturdaten über das Umfeld der Schule – Arbeitslosenrate, Zahl der Migranten – ergänzt. Aus dieser komplizierten Kalkulation entsteht für jede Grundschule ein Sozialindex. Er bestimmt, wie viele Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher die Schule bekommt.

Kein anderes Bundesland erfasst die Bildungsvoraussetzungen seiner Schüler so genau wie Hamburg, und nirgendwo hat die soziale Lage einer Schule so unmittelbare Auswirkungen auf ihre Ausstattung. Je schlechter die Familien im Einzugsgebiet gestellt sind, desto besser geht es der Schule. "Bedarfsorientierte Ressourcensteuerung" nennt sich das. Was das heißt, kann man an der Elbinselschule sehen. Sie liegt im südlichen Stadtteil Wilhelmsburg. Hier haben die Eltern der meisten Schüler keinen Rasenmäher, denn sie leben nur selten in einem Haus mit Garten. Die Elbinselschule trägt den Sozialindex 1. Sie gehört damit zu den sozial am stärksten belasteten Standorten – und zu den Schulen, welche in Hamburg die meiste Hilfe erhalten.