ARD, großes Adventsfest aus einer Mehrzweckhalle in Suhl, Thüringen. André Rieu geigt mit seinem Orchester, das ausschaut wie ein Regiment russischer Prinzessinnen, den Dudelsack-Schlager Highland Cathedral. Danach singt Andrea Berg Heidschi Bumbeidschi. Es folgen junge Männer namens The Baseballs, sie tragen Elvis-Tollen und intonieren Let it snow vor einem Lebkuchenhäuschen, während eine sogenannte Sandkünstlerin den Liedtext mit dem nämlichen Material auf eine Glasplatte rieselt. Florian Silbereisen, Peter Kraus und DJ Ötzi singen danach noch vorm Lagerfeuer Wär uns der Himmel immer so nah, über der Bühne hängt das, was die ARD für einen Herrnhuter Stern hält. Sechs Millionen Zuschauer sehen die Sendung am ersten Advent, das entspricht einem Marktanteil von 21 Prozent.

Allerorten blüht zum Advent das Kulturchristentum, die festliche Hingabe an religiöses Liedgut und Symbolik bei zweifelhafter Glaubensfestigkeit. Nicht nur die Populärkultur fährt groß auf und inszeniert in der Vorweihnachtszeit bildgewaltig und festlich, was sie hat, die Hochkultur drückt auch ordentlich aufs Gas. Was man vorzieht, ist Geschmackssache.

Fast zeitgleich zur Suhler Sause stimmen in der Dresdner Frauenkirche beim Adventskonzert mit der Sächsischen Staatskapelle über tausend Gäste die letzte Strophe des ostpreußischen Adventslieds Macht hoch die Tür an: "Komm, o mein Heiland Jesu Christ,/ meins Herzens Tür dir offen ist./ Ach zieh mit deiner Gnade ein;/ dein Freundlichkeit auch uns erschein."

Das übertragende ZDF hat den Altarraum der Kirche in etwas zu helles Blau getaucht – mehr Scheinwerfer beleuchten an diesem Abend sicher nicht mal den Petersdom. Ein wenig fühlt es sich an, als säße man im Inneren einer Hochzeitstorte, wo es rosa und mehrstöckig zugeht. Die Musik ist allerdings fantastisch, die Anzüge sind dunkel, die Krawatten rot, der Dirigent wischt sich den Schweiß elegant mit einem schwarzen Seidentaschentuch von der Stirn, das Publikum singt erstaunlich laut, alles ist getragen von größtmöglicher trompetengesättigter Festlichkeit. Draußen halten sogar die trinkenden Massen auf dem Neumarkt vor einer riesigen Leinwand inne, auf der das Konzert übertragen wird, und ziehen sich ergriffen Stollen und Kantaten zusammen rein.

Bach und Glühwein, das ist der deutsche Advent. Florian Silbereisen und Dresdner Staatskapelle. Man kann dem Advent nicht entkommen, er ist überall, er raubt uns die Trottoirs, er raubt uns die Mattscheiben. Er ist die Mehrzweckhalle in Suhl und die Frauenkirche in Dresden. Populärkultur und Hochkultur sind im Dezember gemeinsam vereint in der hochtourigen Spezialvorbereitung auf – ja worauf eigentlich? Das Kind in der Krippe? Hat sich der Advent nicht längst verselbstständigt oder emanzipiert – je nach Sichtweise – vom Ziel, auf das er mal und dann auch ganz anders gerichtet war? Und ist das nun zu beklagen?

Heute ist der Advent ein glitzernder Boulevard aus Weihnachtsfeiern, hochkalorisch und laut. Das war früher anders, und mit Essen hatte es gar nichts zu tun. Bis Anno Domini 1917 schrieb der katholische Katechismus ein vierwöchiges Fasten im Dezember vor, der Advent war eine Zeit der Buße und der inneren Selbsterkundung in Vorbereitung auf das drohende Weltgericht. Heute wird angesichts des Jüngsten Tages nicht mehr gebüßt, sondern genossen. Die Gesellschaft hat sich gemeinsam der epikureischen Adventsvariante verschrieben. Carpe diem.

Wer den Advent heute derart konsumierend verbringt, muss sich von religiöseren Zeitgenossen immer vorwerfen lassen, er zweckentfremde etwas. Advenire heißt ankommen – aber wo? Es geht heute tatsächlich mehr ums Sein. Der Advent ist so gesehen die achtsamste aller Jahreszeiten, weil man mal was macht und meistens mit anderen, anstatt immer nur darüber nachzudenken. Was man dann macht, beinhaltet ja nicht selten Weihnachtslieder singen, in Kirchen oder davor, selbst auf dem Dresdner Striezelmarkt, im vermeintlich gottlosen Osten, spielten am ersten Adventssonntag zeitgleich drei Gruppen an verschiedenen Stellen des Marktes Tochter Zion, auch Es ist ein Ros’ entsprungen konnte man hören, zwischen Junggesellenabschieden natürlich.

Christliche Reste und Fetzen gibt es nur punktuell, gewiss. Man kann betrauern, dass es nur Reste sind, oder man kann sich darüber freuen, dass es noch Reste gibt. Nur der Advents- und Weihnachtszeit gelingt es, die Volkskirche aus dem Dunkel der Vergangenheit heraufzubeschwören. Bei keinem anderen Fest im Jahreslauf ist das der Fall. Niemand pfeift O Haupt voll Blut und Wunden in der Karwoche.

Die Kultur- und die Bekenntnischristen

Vielleicht sind es unbewusste Reflexe. Etwas reizt den Weihnachtsnerv im deutschen Rückenmark, und dann singen alle Macht hoch die Tür. Wer sich nur zu festlichen Gelegenheiten seines christlichen Erbes besinnt, wird oft abwertend "Kulturchrist" genannt. Das ist ein Kampf- und Gegenbegriff zu den sogenannten Bekenntnischristen, die eine höhere Bewusstseinsstufe erklommen haben und dann von dort herabblicken auf die Quartalsbrauchtumsbenutzer, indem sie sie zum Beispiel Kulturchristen nennen. Ihr liebster Vorwurf lautet: Die Kirche ist nur noch eine Kulisse, in die oder vor die man sich zu kulturellen Zwecken im Advent stellt, ohne etwas mit Jesus Christus zu schaffen haben zu wollen. Gotik ja, Michelangelo ja, Bach ja, Dreifaltigkeit nein.

Die Dresdner Frauenkirche, beim Adventskonzert beispielsweise, gibt eine reizende Kulisse ab. War das denn schlimm? Zwei Millionen Menschen sahen das Konzert im ZDF. Die Frauenkirche ist das Kulissesein schon gewohnt, über hundert Musikveranstaltungen finden hier im Lauf des Jahres statt – was dazu führt, dass die Kirche im Leben der sächsischen Hauptstadt präsenter ist als so manche katholische Kathedrale in Westdeutschland. Zudem haben klassische Konzerte aus sich heraus schon einen kunstreligiösen Touch, einen Andachtscharakter, sind hoch ritualisiert, und vom Weihnachtsoratorium kann man mindestens so ergriffen sein wie vom Weihnachtsevangelium.

Von christlichem Liedgut war bei der Adventsparty in Suhl nichts zu hören. Ein paar religiöse Symbole in rein dekorativem Umfang standen hie und da in der winterlichen Bühnenlandschaft herum. Ansonsten war viel Tannenbaum, Kranz und Kerze. Aber so eklektisch wie die Atmosphäre der ARD-Party ist der ganze Advent – und es auch immer schon gewesen. Was geht nicht alles über Kreuz: Germanisch-Vorchristliches, Römisches, Biblisches, Mittelalterliches, Regionales. Der Adventskalender ist ein Kind erst des 19. Jahrhunderts. Für die seltsame, rätselhafte, ätherische Figur des Christkindes zeichnet wahrscheinlich Martin Luther verantwortlich. Der vermeintlich christliche Christbaum, der gern den Eindruck erweckt, als wäre er schon immer da gewesen, fand erst 1982 seinen Weg auf den Petersplatz in Rom, vorher hatte man dort für ihn maximal das Wort "Volksfrömmigkeit" übrig.

Die Vorbereitungszeit auf Weihnachten im Dezember ist also schon seit jeher ziemlich zusammengewürfelt, wenn man es negativ ausdrücken will. Positiv gesagt: Der Advent ist integrativ. Er hat Platz für alle, die wollen, dass diese Jahreszeit irgendwie anders ist als die vorhergehenden. Darin ist er ein großer Gleichmacher. Die "Tornadokartoffel" und das "Striezelschaschlik" auf dem Dresdner Weihnachtsmarkt arrangieren sich mit Tochter Zion zu einem adventlichen Sitten- und Brauchtumsgemälde. Vielleicht ist es ein Gemälde von Hieronymus Bosch. Kunstvoll und aussagekräftig ist es auf jeden Fall.

Nicht zuletzt ist der Advent immer auch die Erinnerung an den Advent. Wie es früher war, hat es heute zu sein, daher auch die nicht totzukriegenden Melodien, obwohl die Adventslieder viel dafür tun, dass man sie nur schwierig oder gar nicht versteht: "derhalben jauchzt, mit Freuden singt", "O! wie lacht Lieb’ aus deinem göttlichen Mund", "Du, der gottseligen Väter Verlangen, Zweig, der der Wurzel des Jesse entsprießt", "Da haben die Dornen Rosen getragen", "In dulci jubilo, nun singet und seid froh! Uns’res Herzens Wonne liegt in praesepio". Der hochfestliche Stil dieser Texte vermählt sich mit den – zumindest für Kinder – mysteriösen Botschaften zu einem Gefühl: Was hier passiert, ist wichtig, wenn auch ein wenig kompliziert.

Auch in seinen Liedern hat der Advent übrigens schon immer freundlich Weltliches akzeptiert. Der berühmte Eingangschor aus dem Bachschen Weihnachtsoratorium ist eine einzige Kontrafaktur; bevor er vergeistlicht wurde, war er ein gehobenes Geburtstagsständchen, das Bach anlässlich des 34. Geburtstags seiner Landesherrin, der sächsischen Kurfürstin, komponiert hatte. Er benutzte das Tonmaterial, wie er es oft tat, einfach ein zweites Mal zu kirchenmusikalischen Zwecken.

Die Religion ist heute Teil des Advents, macht ihn aber nicht komplett aus. Er ist genusssüchtig geworden, hält jedoch für alle Weihnachtsmarktbesucher offenen Herzens Möglichkeiten bereit, sich noch mal anders als nur genießend mit der eigenen Existenz zu beschäftigen. Von der einstigen Angst vor dem Weltengericht ist eine zwielichtige Jahresendstimmung übrig geblieben, deren Schummrigkeit hierzulande mit besonders vielen Lichterketten verdrängt wird. Was kommt, weiß man nicht, was war, feiert oder verabschiedet man im Advent noch mal so richtig. Der Advent ist ein Durchgangsstadium, man hält sich in ihm nicht lange auf, er ist kein Dauerzustand. Das würde man auch nicht ertragen. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!