Vielleicht sind es unbewusste Reflexe. Etwas reizt den Weihnachtsnerv im deutschen Rückenmark, und dann singen alle Macht hoch die Tür. Wer sich nur zu festlichen Gelegenheiten seines christlichen Erbes besinnt, wird oft abwertend "Kulturchrist" genannt. Das ist ein Kampf- und Gegenbegriff zu den sogenannten Bekenntnischristen, die eine höhere Bewusstseinsstufe erklommen haben und dann von dort herabblicken auf die Quartalsbrauchtumsbenutzer, indem sie sie zum Beispiel Kulturchristen nennen. Ihr liebster Vorwurf lautet: Die Kirche ist nur noch eine Kulisse, in die oder vor die man sich zu kulturellen Zwecken im Advent stellt, ohne etwas mit Jesus Christus zu schaffen haben zu wollen. Gotik ja, Michelangelo ja, Bach ja, Dreifaltigkeit nein.

Die Dresdner Frauenkirche, beim Adventskonzert beispielsweise, gibt eine reizende Kulisse ab. War das denn schlimm? Zwei Millionen Menschen sahen das Konzert im ZDF. Die Frauenkirche ist das Kulissesein schon gewohnt, über hundert Musikveranstaltungen finden hier im Lauf des Jahres statt – was dazu führt, dass die Kirche im Leben der sächsischen Hauptstadt präsenter ist als so manche katholische Kathedrale in Westdeutschland. Zudem haben klassische Konzerte aus sich heraus schon einen kunstreligiösen Touch, einen Andachtscharakter, sind hoch ritualisiert, und vom Weihnachtsoratorium kann man mindestens so ergriffen sein wie vom Weihnachtsevangelium.

Von christlichem Liedgut war bei der Adventsparty in Suhl nichts zu hören. Ein paar religiöse Symbole in rein dekorativem Umfang standen hie und da in der winterlichen Bühnenlandschaft herum. Ansonsten war viel Tannenbaum, Kranz und Kerze. Aber so eklektisch wie die Atmosphäre der ARD-Party ist der ganze Advent – und es auch immer schon gewesen. Was geht nicht alles über Kreuz: Germanisch-Vorchristliches, Römisches, Biblisches, Mittelalterliches, Regionales. Der Adventskalender ist ein Kind erst des 19. Jahrhunderts. Für die seltsame, rätselhafte, ätherische Figur des Christkindes zeichnet wahrscheinlich Martin Luther verantwortlich. Der vermeintlich christliche Christbaum, der gern den Eindruck erweckt, als wäre er schon immer da gewesen, fand erst 1982 seinen Weg auf den Petersplatz in Rom, vorher hatte man dort für ihn maximal das Wort "Volksfrömmigkeit" übrig.

Die Vorbereitungszeit auf Weihnachten im Dezember ist also schon seit jeher ziemlich zusammengewürfelt, wenn man es negativ ausdrücken will. Positiv gesagt: Der Advent ist integrativ. Er hat Platz für alle, die wollen, dass diese Jahreszeit irgendwie anders ist als die vorhergehenden. Darin ist er ein großer Gleichmacher. Die "Tornadokartoffel" und das "Striezelschaschlik" auf dem Dresdner Weihnachtsmarkt arrangieren sich mit Tochter Zion zu einem adventlichen Sitten- und Brauchtumsgemälde. Vielleicht ist es ein Gemälde von Hieronymus Bosch. Kunstvoll und aussagekräftig ist es auf jeden Fall.

Nicht zuletzt ist der Advent immer auch die Erinnerung an den Advent. Wie es früher war, hat es heute zu sein, daher auch die nicht totzukriegenden Melodien, obwohl die Adventslieder viel dafür tun, dass man sie nur schwierig oder gar nicht versteht: "derhalben jauchzt, mit Freuden singt", "O! wie lacht Lieb’ aus deinem göttlichen Mund", "Du, der gottseligen Väter Verlangen, Zweig, der der Wurzel des Jesse entsprießt", "Da haben die Dornen Rosen getragen", "In dulci jubilo, nun singet und seid froh! Uns’res Herzens Wonne liegt in praesepio". Der hochfestliche Stil dieser Texte vermählt sich mit den – zumindest für Kinder – mysteriösen Botschaften zu einem Gefühl: Was hier passiert, ist wichtig, wenn auch ein wenig kompliziert.

Auch in seinen Liedern hat der Advent übrigens schon immer freundlich Weltliches akzeptiert. Der berühmte Eingangschor aus dem Bachschen Weihnachtsoratorium ist eine einzige Kontrafaktur; bevor er vergeistlicht wurde, war er ein gehobenes Geburtstagsständchen, das Bach anlässlich des 34. Geburtstags seiner Landesherrin, der sächsischen Kurfürstin, komponiert hatte. Er benutzte das Tonmaterial, wie er es oft tat, einfach ein zweites Mal zu kirchenmusikalischen Zwecken.

Die Religion ist heute Teil des Advents, macht ihn aber nicht komplett aus. Er ist genusssüchtig geworden, hält jedoch für alle Weihnachtsmarktbesucher offenen Herzens Möglichkeiten bereit, sich noch mal anders als nur genießend mit der eigenen Existenz zu beschäftigen. Von der einstigen Angst vor dem Weltengericht ist eine zwielichtige Jahresendstimmung übrig geblieben, deren Schummrigkeit hierzulande mit besonders vielen Lichterketten verdrängt wird. Was kommt, weiß man nicht, was war, feiert oder verabschiedet man im Advent noch mal so richtig. Der Advent ist ein Durchgangsstadium, man hält sich in ihm nicht lange auf, er ist kein Dauerzustand. Das würde man auch nicht ertragen. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!