Bis vor Kurzem dachten die Grünen noch, sie würden bald regieren. Nun droht ihnen eine vierjährige Dürrezeit als kleinste Oppositionspartei. Der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck und die Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock aus Brandenburg haben angekündigt, die Partei durch diese Wüste führen zu wollen. Sie kandidieren für den Parteivorsitz, der Ende Januar gewählt wird.

Wie schwer die Aufgabe werden könnte, machen sich viele Parteifreunde womöglich noch gar nicht klar. Die Grünen brauchen nicht nur eine neue Doppelspitze, sie müssen in der veränderten Parteienlandschaft auch eine neue Rolle finden.

Noch ist das Momentum zu spüren, das die Partei während der Jamaika-Verhandlungen getragen hat. Etwas Zauberhaftes war passiert: Während der vier Wochen hatte das Verhandlungsteam der Grünen ("die wilde 14") in langen Nachtstunden beisammengesessen, die alten Antipoden hatten sich mit Jürgen Trittin und Winfried Kretschmann aufeinander zubewegt. Die aufreibenden Flügelkämpfe der Vergangenheit schienen endlich vergessen. In ihrer jahrzehntelangen Geschichte waren sich die Grünen nie so einig gewesen wie in jenen Wochen. Die Öffentlichkeit hatte das ebenso registriert und honoriert wie die demonstrative Kompromissbereitschaft der Truppe.

Aber schon in der Manöverkritik auf dem anschließenden Parteitag schlugen die Flügel wieder auseinander. Die Linken sagten: "Seht ihr! So einen Erfolg haben wir, wenn wir hart und konfrontativ für unsere Positionen kämpfen. Wir dürfen in der Opposition jetzt nicht wieder ›Regierung im Wartestand‹ sein!" Die Realos fanden hingegen: "Rückgrat beweist der, der schwere Kompromisse macht, nicht der, der sagt, Hauptsache, mein eigener Laden ist zufrieden."

Was nun bevorsteht, könnte die inneren Spannungen noch erhöhen. Im Bundestag werden die Grünen sprechen, nachdem Alexander Gauland und Christian Lindner gesprochen haben. Eingekeilt zwischen einer erstarkenden AfD und einer rechtsbürgerlichen FDP, derer beider Erzfeinde die Grünen sind, wird es für die Grünen hart sein, überhaupt wahrgenommen zu werden. "Jamaika wäre schwierig für uns geworden", lautet die Prognose eines grünen Veteranen, "aber das jetzt ist eine Katastrophe." Die Machtoption ist in weite Ferne gerückt.

In dieser Lage treten nun Robert Habeck und Annalena Baerbock auf den Plan. Speziell an Habeck knüpfen sich große Hoffnungen. Den 48-Jährigen hat es aus dem Feuilleton in die Politik geweht. Er hat schleswig-holsteinische Heimatromane geschrieben und schon von "linkem Patriotismus" gesprochen, als Parteifreunde so etwas noch für deutschnational hielten.

Habeck will Politik für alle machen, nicht nur für die grüne Komfortzone

Obwohl er Philosophie studiert hat, also unter Schwurbel-Verdacht steht, kann der Kieler Umweltminister auch nachts um zwei noch vom "Bröckelverlust bei Düngeausbringung" sprechen. Habeck, der mit der Musikerin und Co-Autorin Andrea Paluch vier Söhne hat, ist sich nicht zu schade, auf der Grünen Woche stundenlang Küstennebel zu trinken, einen klebrigen Anislikör, oder in Gummistiefeln mit einem Gegner vom Bauernverband in dessen Kuhmist zu stehen. Er hat sich selbst attestiert, Rock ’n’ Roll zu verströmen; eine Ansage an Joschka Fischer, dass endlich ein würdiger Erbe für den nach eigener Einschätzung letzten Rocker der Partei gefunden sei. Das Wichtigste: Habeck will Politik für die ganze Gesellschaft machen, nicht nur für die grüne Komfortzone.