Der Präsident ist ein Frühaufsteher, schon um halb sechs geht im master bedroom des Weißen Hauses das Licht an. Vom Bett aus stellt Donald Trump, der Anführer der freien westlichen Welt, den Fernseher an, seine Lieblingssendung heißt Fox & Friends, man kennt sich, und man mag sich. Doch irgendwie scheint der Präsident von dieser Frühstücksshow nicht recht wach zu werden. Dann greift er zu einem visuellen Aufputschmittel und switcht zum verhassten Nachrichtensender CNN, gelegentlich auch zur MSNBC-Show Morning Joe. Bei diesen "Lügensendern" (Trump) kommt der Frühaufsteher besonders schlecht weg, aber sie füttern ihn mit polemischer Energie, sie machen ihn wütend, und dann peitscht er die ersten Tweets in die Welt. Abends, zum Einschlafen, dann ein Betthupferl, die Fox News vom Tage, die Trump sich hat aufzeichnen lassen. Der konservative Sender machte ihn groß und wichtig, und unter dessen medialen Schmeicheleinheiten gleitet der mächtigste Mann der Welt in den metaphysischen Schlummer seiner präsidialen Macht.

Bis zu acht Stunden, so berichtet die New York Times in einer dieser Tage veröffentlichten und sofort viel zitierten Reportage, verbringe der US-Präsident täglich vor dem Fernseher, und selbst beim Aktenstudium und bei Konferenzen laufe pausenlos der Fernseher. Nur der Ton sei abgeschaltet, die Schlagzeilen müssten genügen.

Kommt einem das nicht bekannt vor? Bestätigt Trumps obsessiver Fernsehkonsum nicht genau das, was Jean Baudrillard vor über dreißig Jahren vorhergesehen hat? Der französische Soziologe prophezeite damals eine von Medien beherrschte Welt, die vollständig in sich geschlossen ist – eine Welt ohne außen, eine Art Realityshow ohne Realität, die sich im endlosen Selbstgenuss ihrer sinnlosen medialen Effekte erschöpft. In Baudrillards Lesart wäre Donald Trump also der Insasse einer Medienhöhle, er wäre ein kosmischer Narziss, der von morgens früh bis abends spät die Schatten an der Wand anstarrt, nur um darin sein eigenes Bild zu erkennen.

"Simulation" hieß Baudrillards Schlüsselbegriff für diesen Weltzustand, und für ihn war dieser gleichbedeutend mit dem Ende der Geschichte. Wenn die Realität sich in der extremen Künstlichkeit des Medialen auflöse, wenn sie nur noch ein "Simulacrum ihrer selbst" sei, dann würden auch die großen historischen Leidenschaften absterben und in einem Exzess der Banalität verenden. Zuerst, so Baudrillard, treffe es die USA. Die amerikanische Supermacht verflüchtige sich in ihrer eigenen Simulation; eine Weile noch laufe sie auf der alten Bahn und holpere dann "im Leeren weiter".

Eine ganze Generation von Lesern hat Jean Baudrillard (1929 bis 2007) mit seinen Büchern alarmiert – und intellektuell getröstet. Für Alteuropäer war seine Vision zwar ein Horror, aber immerhin, die prophezeite Welt des totalen Scheins war auf wundersame Weise stabil. Sie war ein geschlossener Kreislauf, eine endlose Zirkulation von Zeichen, in der Politik nur noch Inszenierung und die ungeliebte "göttliche Linke" endlich überflüssig sein werde. Die Linke wollte die Realität verändern, doch die Realität gebe es ja künftig nicht mehr, es gebe dann nur noch eine Wirklichkeit: die Wirklichkeit der Medien.

Baudrillard gefielen solche Übertreibungen, doch heute muss man sagen: Gemessen an der Realität, die es angeblich nicht mehr gibt, waren sie nicht nur gefährlich unpolitisch, sondern viel zu brav. Wie andere Medienphilosophen auch, so glaubte Baudrillard, die Medien bestimmten gleichsam alternativlos unser Bild von der Wirklichkeit. Was er sich in seinen kühnsten Fantasien nicht vorstellen konnte, war ein amerikanischer Präsident, der das "Spiel" schon bald auf den Kopf stellen könnte: ein Präsident, der brutal in die Realität eingreift, um sein eigenes Bild in den Medien zu verändern. Denn nach allem, was man über ihn weiß, verhält sich Donald Trump wie ein beleidigter narzisstischer Gott. Wenn ihm die Realityshow der globalisierten Welt nicht mehr gefällt, dann reißt er im Weißen Haus die Regie an sich und sichert sich beim Rattenrennen um die Aufmerksamkeit die Poleposition.

Die tödlichste Form, die maximale ballistische Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken, ist der Weltbrand, in Trumps Fall: ein Krieg gegen Nordkorea. Mit ihm würde der ehemalige Immobilienmakler zum Zentralgestirn im Universum der Medien, denn auf welchen Bildschirm er auch schaut: Überall erblickt er sein eigenes Werk.