Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Was wäre dieses Land ohne seine Kammern? Allein diese Frage kommt bereits einem kleinen Sakrileg gleich. Nun soll die neue Liebeskoalition düstere Pläne hegen und die Pflichtmitgliedschaft infrage stellen – wenn nicht gleich, dann sicherlich in nicht allzu ferner Zukunft. Zudem geht das Gerücht um, dass auch die Kammerumlagen gesenkt werden sollen. Daher ist es vollkommen logisch, dass diesen übereifrigen Kammerjägern jetzt ein strenger Wind entgegenweht. Man beklagt, die Koalitionsverhandlungen fänden zu abgekapselt statt, und die Kammern seien nicht eingebunden. Das ist einerseits eine kleinliche Retourkutsche der künftigen Regierungspartner, mit der sie sich dafür revanchieren wollen, dass bisher ein Kanzler und seine Minister auch nichts zu melden hatten, wenn sich die Kammerfunktionäre in der Sozialpartnerschaft etwas ausgeschnapst hatten. Anderseits überrascht die kalte Schulter auch, denn es gilt immerhin, eine neue Regierung zu bilden, und die Kammern regieren nun doch dieses Land, auch wenn sie es formal nicht regieren. Ein Regierungsabkommen ist nun mal kein Sitzkreis, bei dem politische Autisten ihre innere Isolation überwinden sollen. Regierungsbildung, das ist ein Vorgang von höchster staatspolitischer Bedeutung, bei dem die Daseinsvorsorge des demokratischen Systems auf dem Spiel steht. Und da wäre es ein Akt infamer Selbstermächtigung, die außerparlamentarische Regierung, also die Kammern, von diesem Prozess fernhalten zu wollen. Verständlich, dass deshalb die verschmähten Regierungsexperten ihren Unmut laut vernehmbar kundtun. Mit der Rechtfertigung, dass so der soziale Friede gefährdet sei und man daher schon heute ankündigen müsse, den Protest dorthin zu tragen, wo ihn "die Politik offenbar haben möchte". Auf die Straße nämlich. Außerdem ist die Forderung zu vernehmen, es müsse Interessenvertretungen geben, die nicht von der Politik gesteuert werden. Stimmt, weder Volkspartei noch Sozialdemokraten und schon gar nicht die Freiheitlichen haben in den Kammern irgendetwas mitzureden. Die wirklich entscheidenden Argumente gegen eine Liquidierung der Pflichtmitgliedschaft bleiben aber auf der Strecke. Natürlich würde die Abschaffung einen Abbau wichtiger Errungenschaften bedeuten, etwa der Fortbildung oder der Stärkung ökonomisch schwächerer Mitglieder mittels Umverteilung. Stattdessen hört man langweilige Kampfrhetorik aus dem Jahre Schnee und Statements, die auf ein seltsam übersteigertes Wichtigkeitsempfinden hindeuten. Wieder einmal wird klar, dass es nicht an der Existenz der Kammern an sich krankt. Es sind die Repräsentanten, die das Bild einer Kammer obscura prägen.