Wenn ich bei der Arbeit einen Kaffee brauche, gehe ich in die Küche und mache mir einen. Kein Small Talk, keine Zerstreuung, nur Kaffee, schwarz. Mittags bin ich mit niemandem zum Essen verabredet, ich greife in den Kühlschrank und schmiere mir ein Brot. Und an Dezemberabenden, wenn andere mit der halben Abteilung auf den Weihnachtsmarkt gehen, setze ich mich in meine Leseecke und trinke ein Bier. Ich mag sowieso keinen Glühwein.

"Vermisst du es nicht, Kollegen zu haben?"

Nein.

Teamfähigkeit, so steht das immer in Stellenanzeigen. Teamfähig war ich noch nie. Redaktionskonferenzen sind mir ein Graus – sofern ich mich daran erinnere. Ist schon sieben Jahre her: zwei Praktika in Berlin, zehn Wochen, meine einzige Redaktionserfahrung. Ich wollte mich die ganze Zeit verstecken. Bei der taz endete es damit, dass mich der Ressortchef, also der Abteilungsleiter, angebrüllt hat. Und ich ihn. Später hat er mir gemailt, ich solle meine Berufswahl überdenken.

Hatte ich aber längst getan. Wäre ich Animateur oder Talkshowmoderator, wäre das eine andere Geschichte. Aber ich bin Schreiber. Und als Schreiber muss ich vor allem denken. Also: allein sein.

Irgendwann stieß ich auf einen Artikel über Brainstorming. Das ging runter wie Öl: "Gruppen generieren im Brainstorming insgesamt weniger und auch weniger erfolgreiche Ideen, als würden sich die Teilnehmer allein Gedanken machen." So wurde Wolfgang Stroebe, ein Sozialpsychologe, da zitiert.

Ich hatte es immer gewusst! Zu zehnt seinen Gedanken freien Lauf lassen? Soll das ein Witz sein? Bei mir kommt da nichts, zumindest nichts Gutes. Brainstorming, das ist wie mit einer Horde Jungs Bier trinken: Sprüche klopfen, Anekdoten dreschen. Ganz lustig. Und so tiefgründig wie das Wattenmeer.

Ich pflege meine Einsamkeit. Ich habe noch nie etwas gepostet, gelikt oder getwittert. Ich schließe die Tür und zünde eine Kerze an. Ich schreibe per Hand. Mein Telefon hat ein Kabel und klingelt an vielen Tagen: gar nicht. Das ist gut. Ich brauche meine Ruhe.

"Nichts kann ohne Einsamkeit entstehen. Ich habe mir eine Einsamkeit geschaffen, die niemand ahnt." Das Zitat ist von Pablo Picasso. Es stammt aus dem Jahr 1932, und so geht es weiter: "Es ist schwer, heute allein zu sein, weil es Uhren gibt."

Uhren!

Heute haben wir die ganze Welt im Ticker, wir wollen alles verfolgen, aber kommen kaum mit, ein Wettlauf mit der Timeline. Und wenn wir uns vom Bildschirm aufraffen, halten wir Small Talk an der Kaffeemaschine oder treffen uns zum gemeinsamen Brainstorming. Picasso wäre durchgedreht!