Sogenannte überzeugte Europäer wie Martin Schulz beginnen ihre Ausführungen zur Europäischen Union gewöhnlich mit ein paar Sätzen über den Krieg, das Geld oder die gemeinsame historische Verantwortung. Diese hier beginnen mit einer Betrachtung der Saugleistung europäischer Staubsauger.

Die sinkt nämlich, wie sich dieser Tage beobachten lässt, und zwar rapide. Seit Anfang September sind Neugeräte mit mehr als 900 Watt nicht mehr zu bekommen. Schuld daran ist – genau: die EU. Sie hat den Verkauf von Saugern mit einer höheren Leistung untersagt, um die Umwelt zu schützen. Diese Schrumpfkur spart jährlich in etwa so viel Energie, wie vier Atomkraftwerke erzeugen, und es saugt sich auch mit weniger Watt nicht schlecht.

Warum das an dieser Stelle erwähnt wird? Weil das Modell Staubsauger eine Lehre bereithält für die Staats- und Regierungschefs, die sich an diesem Freitag in Brüssel treffen, um über die Zukunft Europas zu beraten. Die EU funktioniert gut, wenn sie konkrete Probleme löst. Sie funktioniert weniger gut, wenn sie mit hochtrabenden Plänen von der Art konfrontiert wird, wie sie Schulz jetzt vorgestellt hat.

Schulz will die Vereinigten Staaten von Europa, mit einer eigenen Verfassung – bis spätestens 2025, und wer es bis dahin nicht schaffe, der solle den Bund, bitte schön, verlassen. Die Franzosen haben vor gut zehn Jahren über eine solche Verfassung abgestimmt. Sie fiel durch, und die EU ist daran fast zerbrochen. Seither hat die Begeisterung für Europa in den meisten Mitgliedsstaaten nicht unbedingt zugenommen, eher im Gegenteil. Polen und Tschechen, aber auch Letten und Litauer jedenfalls würden dem wohl nur unter Androhung von Zwangsmitteln aus Brüssel zustimmen. So vermischt sich in den europapolitischen Plänen des Martin Schulz das Visionäre mit dem Autoritären. Anders gesagt: Schulz saugt immer noch mit 2000 Watt.

Das wäre vielleicht noch vertretbar, wenn es nichts zu verlieren gäbe – und tatsächlich beruhen Forderungen nach einem großen europapolitischen Wurf häufig auf der Diagnose, Europa sei ein Kontinent im Krisenmodus, der nur durch einen Befreiungsschlag vor dem Untergang bewahrt werden könne. Sie wird der Realität nicht mehr gerecht. Die europäische Wirtschaft wächst inzwischen schneller als die amerikanische, und auch in Sachen politische Stabilität müssen die Europäer den Vergleich nicht fürchten. Vielleicht ist die vermeintliche Schwäche des europäischen Modells – das nicht auf eine Überwindung, sondern eine Einbettung des Nationalstaats abzielt – sogar eine Stärke. Wer darüber hinausgehende Visionen hat, muss nicht gleich zum Arzt gehen, sollte sich aber sehr genau überlegen, ob die Zeit dafür reif ist.

Kann also alles so bleiben, wie es ist? Natürlich nicht. Europa wird auf der Weltbühne gebraucht, jetzt, da sich die Nachkriegsordnung aufzulösen beginnt. Um in diesem veränderten geopolitischen Umfeld bestehen zu können, benötigt die EU zum Beispiel Geld. Für die Verteidigung der Grenzen, der eigenen Werte – und nicht zuletzt der Währung. In der allgemeinen Empörung über die Griechen und ihre Haushaltslöcher ist in Vergessenheit geraten, dass die Einführung des Euro auch Ausdruck des Wunsches war, der Übermacht des Dollar auf den internationalen Finanzmärkten etwas entgegenzusetzen. Seit Donald Trump in Washington regiert, ist die Frage, wer bei der nächsten Krise aushilft, tatsächlich von möglicherweise existenzieller Bedeutung. Der von den Amerikanern beherrschte Internationale Währungsfonds? Oder nicht doch besser ein eigener Europäischer Währungsfonds?

Schwierig? Ja. Teuer? Ja. Aber anders als eine Neugründung Europas mit etwas gutem Willen machbar – wenn Deutschland in Brüssel wieder verhandlungsfähig ist. Es spricht eigentlich nicht viel dagegen. In Wahrheit sind SPD und CDU/CSU in dieser Frage nicht so weit auseinander, wie es der öffentliche Zwist vermuten lässt. Ein bundesstaatliches Europa mit umfangreichen Geldtöpfen gilt auch in weiten Teilen der sozialdemokratischen Partei als dem Wähler nicht vermittelbar, und in der Union wächst die Einsicht, dass Deutschland nicht zu allen Ideen aus Paris immer nur Nein sagen kann.

Es gibt auch bei der europäischen Integration so etwas wie eine Richtgeschwindigkeit. Ein halber Schulz oder eine doppelte Merkel – das wäre ein angemessenes Tempo. Fröhliches Saugen!

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