"Jamaika-Aus" ist nicht nur deshalb als deutsches Wort des Jahres 2017 ein Knaller, weil es durch das schlichte "Aus" so vielseitig bioverwertbar ist (Schmaus-Aus, Laus-Aus, Klaus-Aus), sondern auch, weil es unser exzellentes Langzeitgedächtnis unter Beweis stellt. Die Sondierungsgespräche zu einer potenziellen Jamaika-Koalition scheiterten in der Nacht zum 20. November, right? Hey, das sind satte 20 Tage bis zur Kür des Jahresworts! Da liegen mehrere VW-Skandale und "Warum Männer nicht mehr grapschen dürfen und Frauen das auch irgendwie doof finden"-Debatten dazwischen! Wir aber erinnern uns, als wäre es gestern gewesen: an Merkels merkelige Miene, an Lindners sorgenvollen Blick auf die etwas voreilig sich wölbende Minister-Wampe, an Özdemirs tränenerstickte Stimme – herrlich! Historisch! Würdig, für immer in die Annalen der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden aufgenommen zu werden und Wörtern wie "aufmüpfig" (1971) oder "Glykol" (1985) zu folgen. Apropos Glykol, die Jüngeren unter uns wissen es, da ging es um ein paar österreichische Winzer, die ihre Weine mit Diethylenglycol versetzten (wird durch Ethoxylierung von Ethylenglycol mit Ethylenoxid synthetisiert und ist, logisch, mit handelsüblichen Frostschutzmitteln verwandt), damit diese weniger österreichisch und mehr nach Sonne, Süden, Palmen, sprich: nach Jamaika schmeckten. Klang leiwand, flog aber auf. Insofern darf unser "Jamaika-Aus" für Österreich getrost en lütten Tick mitgelten, rückschauend. Der Alpennachbar freilich, nicht faul, kontert mit einem eigenen 2017er Jahrgangswort, dem "Vollholler". Vollholler wie Vollpfosten, nur dass der gemeine deutsche Pfosten weder zwittrige, radiärsymmetrische Blüten trägt noch beerenähnliche schwarz-rot-blaue Steinfrüchte. Hinter "Holler" verbirgt sich der Holunder, von der Forschungsstelle Österreichisches Deutsch der Universität Graz kürzlich als "nutzloses Unkraut, welches höchstens für Sirup taugt", diffamiert. Wenn Österreichs Noch-Bundeskanzler Kern nun die Flüchtlingspolitikpläne seines Gegners Kurz einen Vollholler schimpft, dann setzt er diesen Trend fort und negiert alle gesundheitsfördernden Eigenschaften des unschuldigen Geißblattgewächses. Warzen? Unterm Hollerbusch mit einer Speckschwarte abreiben, bei Vollmond! Übergewicht? Hollerbäume umarmen! Nervenschwäche? Kompressen aus Hollerblütenrispen! So gesehen sollte sich aus deutschen Wertpfosten gut und gerne ein leckerer Sud zubereiten lassen, der die Verhandlungen zur Neu-Groko spürbar erleichtert, ja beflügelt.

FINIS