Manchmal, nach einem langen Arbeitstag, wenn es im Haus des Maschinenbauingenieurs Torsten Liermann im oberschwäbischen Laupheim still wird, wenn sein Sohn Ali seine Matheaufgaben gelöst hat und hoffentlich schläft, wenn seine Frau zu Bett geht und das Licht löscht, steigt Torsten Liermann in sein Zimmer unterm Dach und nimmt zwischen seinen Sammlungen Platz. Über die Jahre hat er einiges zusammengetragen, bemalte Brot- und Kaffeedosen, Spielzeugautos, Bierdeckel, Schallplatten und Sand, Sand von jedem Strand, den er und seine Frau besucht und den sie in Marmeladengläser gefüllt haben, Regalreihen von Marmeladengläsern mit rötlichem, hellem und aschefarbenem Sand. Hier sitzt Torsten Liermann in der Stille, ein 56 Jahre alter Mann mit der Aura eines Bären, selbstsicher, aber wachsam. Dann schaltet er den Computer an und zählt Tote.

Er klickt sich durch Nachrichtenseiten und Blogs auf der Suche nach neuen Morden, nach Anschlägen und Explosionen, nach immer noch mehr Gründen, warum sie ihm Ali und Mohammad nicht wieder wegnehmen können. Warum es einfach nicht sein darf, dass seine afghanischen Söhne zurückmüssen. Liermann tippt Zahlen in ein Word-Dokument:

20. Oktober 2017, Bombenanschlag durch IS auf schiitische Moschee in Kabul, mindestens 56 Tote

So versuchte er die Sorge um seine Jungs, so nennt er sie, zu begraben: unter Informationen. Deshalb saß er auch an einem tiefblauen Juliabend zwischen den Spielzeugautos und Blechdosen und schrieb an die Zeitung, die er abonniert hat, die ZEIT, einen Brief. Er legte ein Dossier dazu, umfangreich wie eine Diplomarbeit, und gab ihm einen Titel: "Die Gefährdungssituation unserer afghanischen Söhne im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan". Eineinhalb Jahre lang hat er an dem Dossier geschrieben, bis heute aktualisiert er es, wenn ihn eine Nachricht von einem Anschlag in Afghanistan erreicht.

An einem Mittwoch im November vor zwei Jahren, einem Tag mit dem Geruch von nassem Laub in der Luft, stand der erste neue Sohn auf der Treppe vor dem hellen Haus der Liermanns. Ein junger Mann mit mandelförmigen Augen in einem Gesicht, ruhig wie ein Bergsee. Ali, aus der afghanischen Provinz Maidan Wardak, gut 100 Kilometer westlich von Kabul.

Ali ist einer von 7.647 unbegleiteten Minderjährigen aus Afghanistan, die 2015 einen Antrag auf Asyl gestellt haben. Einer von 154.046 Afghanen, die vor zwei Jahren nach Deutschland kamen. Bisher hat er lediglich eine Aufenthaltsgestattung zur Durchführung des Asylverfahrens. Er darf danach nur in Deutschland bleiben, wenn ihm in seinem Heimatland "ernsthafter Schaden droht".

Ali, damals 16 Jahre alt, wurde von einer Frau vom Jugendamt gebracht. Er stellte seinen kleinen Rucksack in sein künftiges Zimmer im Souterrain des Liermannschen Hauses. Die Liermanns haben keine eigenen Kinder, aber Platz, zwei sichere Einkommen und Zeit, sich für die Zivilgesellschaft zu engagieren, so sagt es Torsten Liermann.

Sigrid Liermann kochte Kürbissuppe. Ihr Mann wollte wissen, wie Ali die Flucht erlebt hat. Ali tippte in ein Übersetzungsprogramm. "Schießerei", las Liermann, an der iranischen Grenze, der schlimmste Moment. Viel mehr Zeit zum Reden blieb nicht an diesem ersten Abend, die Liermanns hatten Karten für einen Vortrag über Tibet. Sie nahmen Ali mit.

Die Liermanns sprechen ausschließlich Deutsch mit ihm. "So funktioniert Integration doch am besten", sagt Torsten Liermann. Alles an ihm ist groß, der Körper, die Hände. Seine Stimme, eine Bärenstimme, füllt das Wohnzimmer aus, vom Bücherregal mit Bildbänden aus China bis zur Vitrine mit den Weingläsern. "Man muss die Sprache lernen, dann lernt man auch die Kultur."

Ali bekam gleich einen Platz an der Berufsschule in Laupheim, er hat gute Noten. Er räumt nach dem Essen die Teller ab, im Flur richtet er die Schuhe parallel aus. Sigrid Liermann besorgte ihm eine Traumatherapeutin und reduzierte ihre Stelle als Qualitätsmanagerin in einer Behindertenwerkstatt, damit sie für ihn da sein kann, wenn Ali noch stiller wird als sonst. Dann forscht sie in seinem ruhigen Gesicht nach einem Zeichen, ob er von seinen Gefühlen reden mag.

Wenn es ein Handbuch für Integration gäbe, Ali und die Liermanns könnten hinter jeden Punkt ein Häkchen setzen.

"Es ist nicht immer ganz einfach, aber wir haben uns sehr gut zusammengerauft, nicht?", sagt Sigrid Liermann, 62 Jahre alt, groß und trotzdem zart, in weichem Schwäbisch. Sie streicht Ali über den Rücken.

Einmal, während der ersten Monate, tippte er in sein Smartphone ein paar Worte auf Dari. Im Übersetzungsprogramm stand auf Deutsch: "Ihr seid wie meine Eltern."

Die Welt des Hasara-Jungen

Im März, ein paar Monate nach seiner Ankunft, feiert Ali seinen 17. Geburtstag. An diesem Tag beginnt die Verwandlung des Torsten Liermann, Fachmann für Fleischereimaschinen, in einen Spezialisten für Sicherheitsfragen in Afghanistan. Liermann weiß, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das Bamf, darüber entscheiden wird, ob Ali bleiben darf, sobald er volljährig ist. Dass es dort eine Anhörung geben wird. Torsten Liermann bereitet sich darauf vor wie auf eine Prüfung.

Liermann tippt Alis Geschichte in den Computer. Das Leben eines 17-Jährigen auf drei Seiten in kleiner Schriftgröße.

Ali ist Hasara. Mit seinen hohen Wangenknochen und dem flächigen Gesicht war er zu Hause ein leicht auszumachendes Ziel. Hasara, Schiiten im sunnitisch geprägten Afghanistan, mongolische Nachfahren von Dschingis Kahn. Liermann schreibt vom Polizeichef der Gegend, Alipur hieß er, dem Alis Vater geholfen habe, gegen die Taliban zu kämpfen, weil sie jeden Sommer ihr Dorf am Flüsschen Habdara überfielen. Er schreibt, dass dann die Taliban drohten, Alipur, alle seine Helfer und ihre Familie zu töten. Erst auf der Flucht aus Afghanistan erzählt der Vater seinen Söhnen, dass er um ihr Leben fürchtete. Er hatte sein Haus verkauft, um die Flucht nach Europa bezahlen zu können. Sie brachen im August 2015 auf, als die Nächte schon begannen, kalt zu werden.

Ali, der Hasara-Junge. Vor Jahren, erinnert er sich, hatte Torsten Liermann von so einer Figur in dem Afghanistan-Roman Drachenläufer gelesen. Die Geschichte von Amir, Paschtunen-Kind aus reichem Hause, und Hassan, Hasara, Sohn des Hausdieners, der so gern lesen wollte. Torsten Liermann, Kind von Flüchtlingen aus Ostpreußen, beginnt, immer tiefer in die Welt von Ali, Flüchtling aus dem Hindukusch, einzutauchen. Eine Welt, in der Hasara dienen und Paschtunen herrschen. Eine Welt, in der Taliban morden und Hasara sterben.

Torsten Liermann studiert den Koran. Er sammelt Zeitungsmeldungen, Interviews und Aussagen von Professoren, Politikern, Korrespondenten über die Situation in Afghanistan im Allgemeinen und die Diskriminierung der Hasara im Besonderen. Er liest sich durch Friedensgutachten, sammelt Radiobeiträge, bestellt Bücher. Ein Buch stößt ihm die Tür zu Alis Welt auf: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen.

Drei Tage nach Weihnachten legt Liermann in seinem Computer das Dokument an: "Anschläge der letzten Monate auf Hasara"

Juni 2015 bis 08. November 2016: Entführung und Tötung von 7 Hasara auf der Straße Kabul/Kandahar

November 2015: Entführung von 14 Hasara in Sabul

23. Juli 2016: Anschlag in Kabul durch IS, 85 Tote, 413 Verletzte

Im Internet sucht Liermann den Verlauf der Straße, die von Maidan Wardak nach Kabul führt, die Straße, die Ali nehmen musste, wenn er nach Kabul ins Fotostudio wollte, er hatte dort einen Job und bearbeitete Bilder. "Death Road" wird die Straße auch genannt. Todesstraße. Kämpfer lauern den Hasara auf.

Liermann besorgt sich jetzt den Fragebogen aus dem Bamf. Er will, dass auch Ali vorbereitet ist. Also stellt er ihm immer wieder dieselben Fragen: Wo genau ist er über die Grenze? Mit wem? Wann? War es dunkel, oder schien die Sonne? Kalt oder noch warm? Als seine Eltern zurückgeschickt wurden, mit wem ist Ali weitergeflohen?

Irgendwann stockt Ali.

Er schämt sich, weil er Mohammad verschwiegen hat. Seinen Bruder. Dabei ist den Liermanns Ehrlichkeit doch so wichtig.

Alis Bruder lebt inzwischen im bayerischen Neu-Ulm. Die Liermanns beschließen, ihn zu besuchen. Mohammad ist zwei Jahre älter als Ali und noch ruhiger.

Gut, sagen die Liermanns. Dann haben wir jetzt eben zwei Kinder.

Mohammad zieht in eine Sammelunterkunft für 20 Flüchtlinge nach Laupheim, weil zwei Jugendliche im Haus den Liermanns doch einer zu viel wären. Sigrid Liermann hat gerade eine Chemotherapie überstanden, sie befürchtet, ihre Kraft reiche nicht für zwei Jungs mit traumatischen Erfahrungen. Aber sie sagt: "Mohammad ist mein zweiter Sohn. Er ist so fleißig."

Früher haben Torsten und Sigrid Liermann leise Blicke getauscht, wenn es in Gesprächen mit Freunden und Nachbarn fast nur um deren Kinder ging. "Jetzt sind wir genauso", sagt Sigrid Liermann.

Der erste Winter vergeht, der erste Sommer, sie paddeln von der Saar in die Mosel und wandern im Pfälzer Wald, Torsten und Sigrid Liermann, Ali und Mohammad. Die Liermanns verzichten auf Schweinefleisch, Ali und Mohammad auf Blicke, wenn die Liermanns abends mal ein Glas Wein trinken.

Im August 2016 spricht die SPD von einem Integrationsgesetz. Es ist von einem Bleiberecht für die gesamte Dauer der Berufsausbildung die Rede und für die anschließende Beschäftigung. Die Liermanns verstehen: Ali und Mohammad dürfen bleiben, solange sie Arbeit haben.

Im Dezember 2016 reisen sie zum Afghanistantag für Flüchtlingshelfer nach Stuttgart. Sie erfahren, dass sich der IS ausgebreitet hat, dass Rückkehrer getötet werden. Aber sie erfahren auch: Die Bundesregierung hat Afghanistan trotz alledem als "sicher" eingestuft.

Heißt das, Ali und Mohammad müssen zurück?

"Ich fühle mich ausgeliefert"

Sigrid Liermann stellt sich die beiden auf dem Weg vom Flughafen Kabul in die Stadt vor, vorbei an Männern mit schweren Maschinengewehren, vorbei an von Bomben zerstörten Häusern. Sie stellt sich vor, wie sie die Eltern suchen und sie nicht finden, weil die Eltern alle paar Tage die Unterkunft wechseln.

Ihr Mann führt seine Liste weiter fort:

2. März 2017: in Kabul, Doppelanschlag durch die Taliban (23 Tote, 107 Verletzte)

8. März 2017: in Kabul, Anschlag durch IS auf Krankenhaus (50 Tote, Dutzende Verletzte)

Am 5. Mai 2017, 8 Uhr, dem Tag der Anhörung, umfasst Torsten Liermanns Dossier 90 Seiten. Er hat es ausgedruckt und die Seiten in einen roten Schnellhefter geklemmt. Zu viert fahren sie zu einer alten Kaserne nach Sigmaringen, einer Außenstelle des Bundesamts für Migration. Ali steht kurz vor dem Hauptschulabschluss. Im September wird er eine Lehre als Elektroniker in Laupheim beginnen. Mohammad macht gerade ein Praktikum bei einem Schneider, nach dem Sommer soll er noch für ein Jahr zur Schule gehen.

Während der Anhörung sprechen die beiden Jungen Deutsch, etwas stockend, aber verständlich. Torsten Liermann hat Fotos ihres Vaters mitgebracht, der gegen die Taliban kämpft, ein zierlicher Mann im Tarnanzug. Liermann hat es sogar geschafft, ein Dokument auf Dari zu bekommen, in dem die "Volkswiderstandsfront" bestätigt, Alis Vater werde von den Taliban bedroht. Zwei Stempel, zwei Unterschriften. Nach drei Stunden dürfen die Liermanns gehen. Sie haben ein gutes Gefühl.

31. Mai 2017, Diplomatenviertel in Kabul, 150 Tote, 400 Verletzte, darunter Angehörige der Deutschen Botschaft

Am Vormittag des 20. Juni 2017 brummt der Rasenmäher im Nachbargarten. Die Postbotin bringt einen Brief aus Berlin. 14 Seiten, enger Zeilenabstand.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge glaubt, "die Bedrohungen durch die Taliban – und damit durch Privatakteure – erreichen keine flüchtlingsrechtlich relevante Intensität". Es glaubt, Ali und Mohammad verfügten "im Bundesgebiet über keine wesentlichen Bindungen, die im Rahmen einer Ermessungsprüfung zu berücksichtigen wären". Sie werden aufgefordert, Deutschland binnen 30 Tagen zu verlassen.

Torsten Liermann weiß, dass die Politik das große Ganze sehen muss. Er weiß, dass die AfD kleingehalten werden soll, indem man eine große Zahl von Asylbewerbern zurückschickt. Und er weiß auch, dass Marokko und Tunesien keine Flüchtlinge zurücknehmen, weil sie nicht auf Geld aus Europa angewiesen sind, Afghanistan aber schon.

Aber die Taliban "Privatakteure"? Als hätte sich nur ein Haufen schwer erziehbarer Jungs zusammengetan, die ein bisschen das Stadtviertel aufmischen.

Vor allem verzweifelt er an der Behauptung, die beiden Jungen hätten keine Bindungen aufgebaut. Als stünde die Beziehung, die sich zwischen Pflegeeltern und ihren Kindern in 20 Monaten aufgebaut hat, nur auf einem Blatt Papier, dass man in einem Ordner abheftet.

"Ich glaube, man hat in dem Bescheid Textbausteine kopiert und zusammengefügt, ohne sich Ali und Mohammad anzusehen", sagt Torsten Liermann.

Bis zu diesem Tag besaß er die Gewissheit, dass es zwei Kategorien im Leben gibt: Die, die er verändern kann, wenn er nur an den richtigen Schrauben dreht, und die, an denen niemand etwas ändern kann; die bezeichnet er als Schicksal. Wenn an einer seiner Maschinen der Pizzateig kleben bleibt, findet er schon die Schraube, an der es hakt. Als seine Frau an Krebs erkrankte, begleitete er sie zur Chemotherapie, mehr als hoffen konnte er nicht. Das ist Schicksal.

Aber mit dem Bescheid des Amts für Migration und Flüchtlinge bekam diese Gewissheit, bekam sein Vertrauen in den Staat, einen Riss. Hinter dem Riss scheint eine dritte Kategorie auf. Torsten Liermann nennt sie Willkür.

"Ich fühle mich ausgeliefert", sagt er.

Liermann beschließt, sich zu wehren. Er legt Einspruch gegen den Asylbescheid ein.

Am 5. Juli trifft er sich mit dem Bundestagsabgeordneten der SPD für den Wahlkreis Biberach. Er überreicht ihm sein Dossier über Afghanistan in einem roten Schnellhefter. Der Abgeordnete verspricht, es weiterzuleiten.

Am 17. Juli kommt der Bundestagsabgeordnete der CDU nach Laupheim. Liermann gibt ihm das Dossier. Der Abgeordnete verspricht, es weiterzuleiten.

Am 26. Juli fährt Liermann nach Ulm, dort tritt Cem Özdemir auf. Er drückt das Dossier einem Sprecher von Özdemir in die Hand. Der will es weiterleiten.

Liermann reicht eine Petition beim Landtag Baden-Württemberg ein. 400 Unterschriften hat er dafür gesammelt.

Liermann formuliert einen Brief an Angela Merkel. Aber er fürchtet, wenn die Bundeskanzlerin ein Exempel statuieren will, wenn sie Nein sagt, dass ihm dann niemand mehr helfen kann. Der Brief bleibt ein Entwurf.

In diesen Tagen wirft Liermann auch den Brief an die ZEIT in den Briefkasten.

Die 30 Tage Frist, innerhalb derer die Jungen ausreisen sollten, ist verstrichen, nach dem Einspruch gegen den Asylbescheid haben die Liermanns keine weitere Nachricht erhalten.

Sie packen an einem bleistiftgrauen Augusttag Zelte und Paddelboote ein und fahren in den Spreewald. Urlaub vom Gedanken, jeder Tag könnte der Tag sein, an dem die Polizei an der Tür klingelt und die Jungen mitnimmt.

Im Dezember haben die Liermanns noch immer nichts gehört. Für den Heiligen Abend haben sie einen Freund der Söhne eingeladen. Wenn nichts dazwischenkommt, werden Ali und Mohammad wie im vergangenen Jahr den Baum mit Glaskugeln aus Skandinavien schmücken. Sie werden eine Marzipantorte backen. Am Abend werden Sigrid und Torsten Liermann die Kerzen am Baum anzünden. Wenn nichts dazwischenkommt. Dieser Halbsatz schwebt über ihrem Alltag, aber sie sprechen ihn nicht aus. Auf einem Vortrag über Flüchtlingshelfer haben sie ein altes deutsches Sprichwort gehört: "Der Wille ist ein Türöffner." Daran halten sie sich fest.