DIE ZEIT: Frau Zemp, neulich habe ich mit einem Bekannten telefoniert. Auf die Frage, wie es ihm gehe, hat er unter viel Weh und Ach gesagt, er habe die Grippe. Typisch Mann?

Elisabeth Zemp: (lacht) Sie sprechen an, dass Männer, wenn ihnen körperlich etwas fehlt, dies sehr expressiv ausdrücken können. In der Tendenz ist das ja auch so. Jedenfalls bei physischen Leiden.

ZEIT: Gibt es denn so was wie eine Männergrippe?

Zemp: Ein Virus bleibt ein Virus, aber jeder Mensch erlebt eine Viruserkrankung anders. Wie wir sie erleben, ist an stereotype Vorstellungen von Geschlecht gekoppelt, von denen wir ein bestimmtes Repertoire mitbekommen. Wie singt doch Herbert Grönemeyer in Männer? "Außen hart und innen ganz weich."

ZEIT: Haben denn Männer und Frauen einen anderen Körper?

Zemp: (zögert) Jein.

ZEIT: Jein?

Zemp: Ja und nein.

ZEIT: Was heißt das?

Zemp: Dass Männer und Frauen einen anderen Körper haben, würde ich in dieser Absolutheit nicht sagen. Es gibt aber Unterschiede, die es sinnvoll machen, genau hinzuschauen, ob in der gesundheitlichen Betreuung etwas anzupassen ist, je nachdem, wen man vor sich hat. Ob solche Unterschiede biologisch bedingt sind, ist eine ganz andere Frage.

ZEIT: Jetzt wird es kompliziert.

Zemp: Ja, es ist komplex. Lange hat man sich vor allem für die unterschiedlichen reproduktiven Organe von Männern und Frauen interessiert und für deren Erkrankungen: Brustkrebs, Prostatakrebs, Gebärmutterabsenkungen. Heute wissen wir, dass auch Krankheiten, die bei allen Menschen vorkommen können, anders auftreten und verlaufen können, je nachdem, ob eine Frau oder ein Mann diese erleidet.

ZEIT: Eine Grippe ist also nicht einfach eine Grippe?

Zemp: Genau.

ZEIT: Ein Herzinfarkt ist nicht einfach ein Herzinfarkt?

Zemp: Vereinfacht lässt sich sagen, dass eine Krankheit nicht einfach eine Krankheit ist, sondern sich bei jedem Menschen anders zeigt. Bei Männern sieht man häufiger den klassischen Herzinfarktschmerz, den stechenden, vom Herz ausgehenden, in den Arm ausstrahlenden Schmerz. Die Symptome bei Frauen werden öfter als "unspezifisch" beschrieben: Schmerzen im Oberbauch, Unwohlsein, Müdigkeit. Wer denkt an einen Herzinfarkt, wenn eine Frau sagt, sie sei müde? Im Herz-Kreislauf-Bereich weiß man über diese Dinge inzwischen recht viel, und das Wissen schlägt sich auch in den Leitlinien von Ärzten nieder. Die große Kunst bleibt aber, zu erkennen, wo eine unterschiedliche Behandlung angebracht und wo eine unterschiedliche Behandlung inadäquat ist.

ZEIT: Wie ist das bei anderen Krankheiten?

Zemp: Wir wissen, dass manche Krankheiten, so auch Knochenschwund, Multiple Sklerose oder rheumatische Leiden häufiger bei Frauen auftreten. Das Wissen über die Gründe der Geschlechtsunterschiede ist jedoch oft rudimentär. Zudem haben wir paradoxe Situationen, zum Beispiel dass bei Frauen zwar häufiger Depressionen diagnostiziert werden, dass sich aber viel mehr Männer das Leben nehmen.

ZEIT: Warum ist das so?

Zemp: Männer gehen mit psychischem Unbehagen anders um. Die Schwelle ist sehr hoch, sich in einer psychischen Notsituation Hilfe zu holen. Das mag damit zusammenhängen, was für einen Blick sie auf sich haben und welchen gesellschaftlichen Vorstellungen sie genügen wollen.