Ach Gottchen, ja

Was für ein schöner Abend war das, der da vergangene Woche zur Vorweihnachtszeit in der nach sieben Jahren Umbauzeit nun glücklich wieder ganz eröffneten Berliner Staatsoper zur Aufführung kam.

Aber war es auch ein großer, widerspenstiger, vielleicht sogar gut verstörender Abend? Um mal eine andere, gleich ein wenig verboten klingende Frage zu stellen, weil sie natürlich zum Standardrepertoire der Gegner des Regietheaters gehört: Muss Engelbert Humperdincks spätromantische Oper von 1893 – die Kinderoper, die Märchenoper par excellence, eines der meistgespielten Werke im Musiktheater-Repertoire –, muss diese Hitoper sensationell neu aufgeführt und gegen den Strich gebürstet werden, um ihre Wirkung zu entfalten, oder reicht es, wenn der Regisseur ein paar hübsche Gags und Einfälle inszeniert, sonst aber ganz auf die tröstliche Wärme des Märchenstoffs setzt?

Wie neben ihr nur die Zauberflöte hat diese Oper in der bildungsbürgerlichen Familie eine Funktion, sie ist fest im Jahreskalender eingetragen: Hänsel und Gretel, das ist die Oper, die Großeltern und Eltern mit den Kindern zur Vorweihnachtszeit besuchen (klar ist ja auch, dass es bis heute eine regelrechte "Kinder gehen in Hänsel und Gretel"- Garderobe gibt, die sich den letzten Jahrzehnten kaum verändert hat – die Jungs tragen Cordhosen und dunkelgrüne Pullover, die Mädchen blaue Kleidchen mit weißem Blusenkragen).

In gleich mehreren deutschen Städten kommen also auch dieses Jahr wieder neue Interpretationen zur Aufführung. In Stuttgart läuft die wegen der Verhaftung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow öffentlich stark rezipierte Aufführung eines Regiefragments (Premiere war am 22. Oktober), in Braunschweig wird seit Anfang November ein Abend von Brigitte Fassbaender gegeben, der Sängerinnen-Legende und großen Dame der Oper (seit nun auch schon gut zwanzig Jahren läuft ihre späte Karriere als Regisseurin). An der Berliner Staatsoper hat sich ein vielleicht nicht große Überraschungen versprechendes, aber doch sehr namhaftes und routiniertes Team an die erste Neuinszenierung seit 1963 gemacht – es sind der Dirigent Sebastian Weigle (ehemaliger Barenboim-Assistent und derzeitiger Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt) und Achim Freyer (ehemaliger Brecht-Schüler, die Mitte achtzigjährige, aus Ost-Berlin stammende Künstler- und Regie-Legende).

Ein paar Hänsel und Gretel-Klischees: Es ist die Kinderoper mit der Hexe – also durchaus ein fieser, abgründiger und albtraumhafter Stoff. Als Regieaufgabe schlechthin gilt die das ganze Werk durchdringende christliche Botschaft Humperdincks und seiner Schwester, der Librettistin Adelheid Wette: "Wenn die Not aufs Höchste steigt / Gott der Herr die Hand euch reicht" – wie lässt sich so lieblicher Kinderglaube, im Finale der Oper von den Mitgliedern der Besenbinder-Familie und dem Chor der Lebkuchenkinder geschmettert, inszenieren?

Allen Problemen dieses Opernklassikers zum Trotz: Es ist halt wirklich ein so absolut hinreißendes, ein fast grauenhaft schönes Musiktheaterstück – darf man das, ein Jahr vor dem 125. Geburtstag der Oper Hänsel und Gretel, so platt feststellen?

Das Vorspiel (mit den Waldhörnern in den ersten Takten, dann dem feierlichen Einsatz der Streicher), in dem in gut acht Minuten alles steckt, was ein Kind nur einmal gehört haben muss, um für immer für die polyphone klassische Musik entfacht zu sein. Der berühmte "Abendsegen", das Herz und Schmachtzentrum der Oper, bei dem sich Hänsel und Gretel in fester Umarmung auf den Waldboden zum Schlaf ausstrecken, 14 Englein behüten die Kinder vor Gespenstern und wilden Tieren. Die rätselhaft traumhafte Weise, die Hänsel beim Erwachen im Wald singt: "Mir ist so wohl, ich weiß nicht, wie / So gut wie heute schlief ich noch nie" – der Autor dieses Textes erinnert sich gut, wie ihn diese Worte, zum ersten Mal als Siebenjährigen in der Deutschen Oper Berlin und seither bei jedem weiteren Hören, merkwürdig tief berührt haben.

Zur Rezeption von Hänsel und Gretel gehören die Erinnerung und die Erfahrungen, die alle Beteiligten zur Zeit ihrer Kindheit mit dieser Oper gemacht haben. Ein Regisseur muss sich deshalb immer um alle drei Generationen kümmern, die Kinder, die Eltern und die Großeltern, die beim Besuch der Oper eine frühkindliche Erfahrung noch einmal durchleben wollen.

Weitere unauslöschliche Eindrücke aus der Hänsel und Gretel- Kindheit des Autors dieses Textes (meine Schallplatte war übrigens die klassischste aller Aufnahmen, Herbert von Karajans Einspielung von 1953 mit Elisabeth Grümmer und Elisabeth Schwarzkopf): die Verwunderung darüber, dass der Junge und das Mädchen von Frauenstimmen gesungen werden; die Enttäuschung darüber, dass Humperdinck tatsächlich die schon als Kind als langweilig und uncool empfundenen Kinderlieder wie Suse, liebe Suse verwendet; die komische Scham, wenn Hänsel beim Herumtollen in der ersten Szene die altmodische Wendung "Eia popeia" singt; die Ahnung, dass im Schlussbild, wenn der Vater angesichts der Errettung der Lebkuchenkinder noch einmal die Allmacht des lieben Gottes beschwört, die Grenze vom Pathos zum Kitsch übertreten wird.

Der Wagner-Verehrer Humperdinck – in seinem "Kinderstubenweihfestspiel", diesem "Meisterwerk erster Güte" (Uraufführungsdirigent Richard Strauss), gibt es beides, die Kinderlieder und den gewaltigen, spätromantischen Klang. Humperdinck hatte genug Talent, um einerseits seine Grenzen zu kennen, also Wagners Leitmotiv-Technik zu übernehmen, und andererseits, trotz des riesenhaften Orchesters, in einer leichten und flotten Tonsprache zu bleiben.

Auf der Braunschweiger Bühne sieht es ein wenig nach "Harry Potter" aus

In Stuttgart kommen Hänsel und Gretel aus Ruanda

Anders als bei Wagner öffnet sich in der Musik von Hänsel und Gretel aber eben trotzdem keine zweite Ebene und damit auch für die Regie wenig Raum für eine gewagte, wirklich neuartige, mit den gewohnten Bildern brechende Interpretation: Wie kann das also aussehen, wenn namhafte Opernhäuser in diesem Herbst und Winter einen Hänsel und Gretel- Abend auf die Bühne bringen? Bange Frage – an nichts anderem muss dieser Stoff sich doch messen lassen: Wachsen der Kinderoper noch verzauberte und hingerissene Kinder nach, oder stirbt das Hänsel und Gretel-Publikum allmählich aus?

In der Stuttgarter Staatsoper zeigen sie in ihrer Notsituation einen unfertigen Abend – vielleicht ist es auch deshalb eine so grandios lebendige und mitreißende Aufführung geworden (weitere Vorstellungen am 16. und 26. Dezember). Ein Desaster ist natürlich, dass der Hausarrest für den in Moskau festgehaltenen Regisseur Kirill Serebrennikow nach derzeitigem Stand noch mindestens bis zum 19. Januar andauert (und das natürlich nicht wegen des offiziellen Grunds der Veruntreuung, sondern wegen unbequemer Inszenierungen und seiner offen gelebten Homosexualität).

Auf der Bühne ist das Fragment seines Regiekonzepts zu sehen. Die Handlung wird vom deutschen Wald in die ehemalige deutsche Kolonie Ruanda verlegt, wo der Regisseur, im Gegensatz zu Deutschland, noch echte Armut vermutet. Es läuft ein Stummfilm, in dem die zwei afrikanischen Kinder (David Niyomugabo und Ariane Gatesi) auf wundersame Weise vom Großstadtdschungel in Kingali in die Stuttgarter Fußgängerzone gelangen. Vor der Filmleinwand tobt das Stuttgarter Sängerensemble, von keiner Personenregie gestört, in Straßenkleidung umher, die Hexe, privat offenbar Heavy-Metal-Fan, trägt ein Kreator-T-Shirt, headbangt und spielt Luftgitarre auf dem Besen – das hat den nie ganz schlechten Charme einer Schüleraufführung. Der Vater tritt nach der Pause vor das Publikum und spricht: "Eines Tages erwachten die Sänger und hatten keinen Regisseur mehr. Wie sollte die Geschichte ohne ihn weitergehen?"

Auf eine Art zeigt die Stuttgarter Aufführung, dass der Opernstoff von 1893 noch die abgefahrenste Regietheater-Idee einigermaßen gut wegstecken kann – der Film aus Ruanda jedenfalls liefert so fremde wie unmittelbar einleuchtende Bilder: Da kümmert sich die Reinemachefrau am Stuttgarter Flughafen auf rührende Weise um die zwei Kinder. Wenn der Sandmann den Kindern Sand ins Gesicht reibt, dann findet die Prozedur des whitefacing statt (die schwarzen Kinder werden zu Weißen gemacht und so für ihre Landung in Europa vorbereitet). Offenkundig wird am Stuttgarter Abend aber auch, dass die Ruanda-Idee natürlich eine Überfrachtung des Opernstoffs darstellt – plötzlich spielen Dinge wie die deutsch-ostafrikanische Kolonialgeschichte, Konflikte zwischen den Volksgruppen Hutu und Tutsi und der Genozid im Jahr 1994 mit einer Million Toten eine Rolle. Notgedrungen möchte die Stuttgarter Inszenierung immerzu auch eine Demonstration für die Kunstfreiheit sein – das kann der Kinderoper aber nicht wirklich guttun.

In Braunschweig, im riesigen Gründerzeit-Kasten des Schauspielhauses, gelingt, was Stadttheater in einer mittelgroßen Stadt leisten kann: Es ist ein leichter, humorvoller und ein im besten Sinne konventioneller Abend. Das Hexenhaus am Ilsenstein ist ein verstaubtes Grandhotel aus dem 19. Jahrhundert, es gibt ein Stubenmädchen, einen Hausdiener, einen Barmann – ein wenig sieht es auf der Braunschweiger Bühne nach Shining und nach Harry Potter aus.

Die Regisseurin Brigitte Fassbaender – den Hänsel hat sie in der legendären Georg-Solti-Aufnahme von 1978 und viele Male in den fünfziger und sechziger Jahren gegeben – kann eindrücklich und lebendig schildern, warum Humperdincks Oper ein so schwer zu bewältigender Brocken bleibt: Das Happy End im Schlussbild halte sie, in seiner naiven Frömmigkeit, für nahezu uninszenierbar. Warum gilt die Humperdinck-Oper aller Welt eigentlich als Weihnachtsstück schlechthin? Augenzwinkernde Brigitte Fassbaender: Das habe noch nie ein Mensch verstanden. "Weil die Großmütter dann Zeit haben für ihre Enkelkinder."

Höhepunkt der diesjährigen Hänsel und Gretel-Inspektion – es ist Freitagabend vergangener Woche in der Berliner Staatsoper Unter den Linden: Die Zuschauer blicken in einen schwarzen Kasten, über den, als Projektion aus dem Videorekorder, weiße Schatten von Wald und Bäumen huschen. Die Kinder Hänsel und Gretel müssen riesenhafte, absurd hässliche Gipsköpfe tragen. Fantasiewesen bevölkern die Bühne (Star Wars-Figuren, ein Wildschwein, ein Hase mit Boxhandschuhen). Die Hexe ist eine sagenhafte Schrottpuppe. Das alles sieht – au Mann – ganz schön nach Siebziger-Jahre-Pop-Art und ein wenig auch nach DDR-Puppentheater aus. Zur Berliner Premiere sitzen, großzügig geschätzt, etwa zwanzig Kinder im Publikum.

Der so kluge Regisseur Achim Freyer ist weit davon entfernt, eine platte Aktualisierung zu versuchen, etwa indem er den Märchenstoff als Sozialdrama und als Hartz-IV-Oper inszeniert. In Freyers Lesart symbolisiert die Figur der Hexe – auf eine Art ist diese Deutung so rührend alt und altmodisch wie das Märchen der Brüder Grimm – die alles bestimmende Macht des Konsums. In dem Moment, in dem Hänsel und Gretel die Hexe in den Ofen stoßen, emanzipieren sie sich von den Zwängen des Marktes und befreien sich und mit ihnen die Kinder aller Nationen der Welt. Auf der Bühne der Berliner Staatsoper muss deshalb im Schlussbild ein Transparent mit der Aufschrift "Revolution" aufgehängt werden. Ach Gottchen, ja.

Wie gesagt, ein rundherum schöner Abend. Frage an einen universalen Opernklassiker: Was genau sagt es eigentlich über die Zukunft des Genres Märchenoper im Allgemeinen und die angeblich für alle Zeiten wirksame Zauberkraft von Humperdincks Hänsel und Gretel im Besonderen, wenn es möglich ist, diese Oper gleichzeitig so schön und so harmlos auf die Bühne zu bringen?

Mein Sohn, mit 14 Jahren schon ein wenig zu alt für Märchenopern, bemerkte nach der Berliner Premiere, er glaube nicht an Revolutionen – aber klar, wenn überhaupt, dann fänden sie natürlich auf der Bühne statt. Schau an.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio