In Stuttgart kommen Hänsel und Gretel aus Ruanda

Anders als bei Wagner öffnet sich in der Musik von Hänsel und Gretel aber eben trotzdem keine zweite Ebene und damit auch für die Regie wenig Raum für eine gewagte, wirklich neuartige, mit den gewohnten Bildern brechende Interpretation: Wie kann das also aussehen, wenn namhafte Opernhäuser in diesem Herbst und Winter einen Hänsel und Gretel- Abend auf die Bühne bringen? Bange Frage – an nichts anderem muss dieser Stoff sich doch messen lassen: Wachsen der Kinderoper noch verzauberte und hingerissene Kinder nach, oder stirbt das Hänsel und Gretel-Publikum allmählich aus?

In der Stuttgarter Staatsoper zeigen sie in ihrer Notsituation einen unfertigen Abend – vielleicht ist es auch deshalb eine so grandios lebendige und mitreißende Aufführung geworden (weitere Vorstellungen am 16. und 26. Dezember). Ein Desaster ist natürlich, dass der Hausarrest für den in Moskau festgehaltenen Regisseur Kirill Serebrennikow nach derzeitigem Stand noch mindestens bis zum 19. Januar andauert (und das natürlich nicht wegen des offiziellen Grunds der Veruntreuung, sondern wegen unbequemer Inszenierungen und seiner offen gelebten Homosexualität).

Auf der Bühne ist das Fragment seines Regiekonzepts zu sehen. Die Handlung wird vom deutschen Wald in die ehemalige deutsche Kolonie Ruanda verlegt, wo der Regisseur, im Gegensatz zu Deutschland, noch echte Armut vermutet. Es läuft ein Stummfilm, in dem die zwei afrikanischen Kinder (David Niyomugabo und Ariane Gatesi) auf wundersame Weise vom Großstadtdschungel in Kingali in die Stuttgarter Fußgängerzone gelangen. Vor der Filmleinwand tobt das Stuttgarter Sängerensemble, von keiner Personenregie gestört, in Straßenkleidung umher, die Hexe, privat offenbar Heavy-Metal-Fan, trägt ein Kreator-T-Shirt, headbangt und spielt Luftgitarre auf dem Besen – das hat den nie ganz schlechten Charme einer Schüleraufführung. Der Vater tritt nach der Pause vor das Publikum und spricht: "Eines Tages erwachten die Sänger und hatten keinen Regisseur mehr. Wie sollte die Geschichte ohne ihn weitergehen?"

Auf eine Art zeigt die Stuttgarter Aufführung, dass der Opernstoff von 1893 noch die abgefahrenste Regietheater-Idee einigermaßen gut wegstecken kann – der Film aus Ruanda jedenfalls liefert so fremde wie unmittelbar einleuchtende Bilder: Da kümmert sich die Reinemachefrau am Stuttgarter Flughafen auf rührende Weise um die zwei Kinder. Wenn der Sandmann den Kindern Sand ins Gesicht reibt, dann findet die Prozedur des whitefacing statt (die schwarzen Kinder werden zu Weißen gemacht und so für ihre Landung in Europa vorbereitet). Offenkundig wird am Stuttgarter Abend aber auch, dass die Ruanda-Idee natürlich eine Überfrachtung des Opernstoffs darstellt – plötzlich spielen Dinge wie die deutsch-ostafrikanische Kolonialgeschichte, Konflikte zwischen den Volksgruppen Hutu und Tutsi und der Genozid im Jahr 1994 mit einer Million Toten eine Rolle. Notgedrungen möchte die Stuttgarter Inszenierung immerzu auch eine Demonstration für die Kunstfreiheit sein – das kann der Kinderoper aber nicht wirklich guttun.

In Braunschweig, im riesigen Gründerzeit-Kasten des Schauspielhauses, gelingt, was Stadttheater in einer mittelgroßen Stadt leisten kann: Es ist ein leichter, humorvoller und ein im besten Sinne konventioneller Abend. Das Hexenhaus am Ilsenstein ist ein verstaubtes Grandhotel aus dem 19. Jahrhundert, es gibt ein Stubenmädchen, einen Hausdiener, einen Barmann – ein wenig sieht es auf der Braunschweiger Bühne nach Shining und nach Harry Potter aus.

Die Regisseurin Brigitte Fassbaender – den Hänsel hat sie in der legendären Georg-Solti-Aufnahme von 1978 und viele Male in den fünfziger und sechziger Jahren gegeben – kann eindrücklich und lebendig schildern, warum Humperdincks Oper ein so schwer zu bewältigender Brocken bleibt: Das Happy End im Schlussbild halte sie, in seiner naiven Frömmigkeit, für nahezu uninszenierbar. Warum gilt die Humperdinck-Oper aller Welt eigentlich als Weihnachtsstück schlechthin? Augenzwinkernde Brigitte Fassbaender: Das habe noch nie ein Mensch verstanden. "Weil die Großmütter dann Zeit haben für ihre Enkelkinder."

Höhepunkt der diesjährigen Hänsel und Gretel-Inspektion – es ist Freitagabend vergangener Woche in der Berliner Staatsoper Unter den Linden: Die Zuschauer blicken in einen schwarzen Kasten, über den, als Projektion aus dem Videorekorder, weiße Schatten von Wald und Bäumen huschen. Die Kinder Hänsel und Gretel müssen riesenhafte, absurd hässliche Gipsköpfe tragen. Fantasiewesen bevölkern die Bühne (Star Wars-Figuren, ein Wildschwein, ein Hase mit Boxhandschuhen). Die Hexe ist eine sagenhafte Schrottpuppe. Das alles sieht – au Mann – ganz schön nach Siebziger-Jahre-Pop-Art und ein wenig auch nach DDR-Puppentheater aus. Zur Berliner Premiere sitzen, großzügig geschätzt, etwa zwanzig Kinder im Publikum.

Der so kluge Regisseur Achim Freyer ist weit davon entfernt, eine platte Aktualisierung zu versuchen, etwa indem er den Märchenstoff als Sozialdrama und als Hartz-IV-Oper inszeniert. In Freyers Lesart symbolisiert die Figur der Hexe – auf eine Art ist diese Deutung so rührend alt und altmodisch wie das Märchen der Brüder Grimm – die alles bestimmende Macht des Konsums. In dem Moment, in dem Hänsel und Gretel die Hexe in den Ofen stoßen, emanzipieren sie sich von den Zwängen des Marktes und befreien sich und mit ihnen die Kinder aller Nationen der Welt. Auf der Bühne der Berliner Staatsoper muss deshalb im Schlussbild ein Transparent mit der Aufschrift "Revolution" aufgehängt werden. Ach Gottchen, ja.

Wie gesagt, ein rundherum schöner Abend. Frage an einen universalen Opernklassiker: Was genau sagt es eigentlich über die Zukunft des Genres Märchenoper im Allgemeinen und die angeblich für alle Zeiten wirksame Zauberkraft von Humperdincks Hänsel und Gretel im Besonderen, wenn es möglich ist, diese Oper gleichzeitig so schön und so harmlos auf die Bühne zu bringen?

Mein Sohn, mit 14 Jahren schon ein wenig zu alt für Märchenopern, bemerkte nach der Berliner Premiere, er glaube nicht an Revolutionen – aber klar, wenn überhaupt, dann fänden sie natürlich auf der Bühne statt. Schau an.

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