Ost und West, dachte unsere Autorin, spielten keine Rolle mehr. Dann spürte sie, wie sehr die Geschichte ihrer Eltern auch ihre eigene ist.

Mehr als zehn Jahre ehe ich anfing, mich ostdeutsch zu fühlen, stand ich an einer Straßenbahnhaltestelle in Magdeburg und versuchte zu verstehen, was ein lallender Herr mir sagen will. Der Mann, graue Haare, halbe Glatze, hatte eine Tüte vom Discounter in der Hand. Er schaute auf mich, 14 Jahre alt, rote Haare, Kapuzenpulli – und auf meine Freundin neben mir. "Was sagt ihr denn, ihr jungen Leute?", rief er. "Bei euch gibt es doch schon keine Unterschiede mehr zwischen den alten und den neuen Ländern, oder?"

Was ich antwortete? Keine Ahnung. Ich erinnere mich kaum mehr an Details; nur daran, dass es dunkel war und der McDonald’s auf der anderen Straßenseite noch geöffnet hatte. Was ich in dem Moment nicht ahnte: dass der Mann eine Frage stellte, an die ich später wieder denken würde. Über die ich sehr viele Jahre danach mit meinen Eltern aneinandergeraten würde.

Ich bin im September 1990 in Gardelegen geboren. In einem Land, das schon von keiner Mauer mehr umgeben war, das aber noch DDR hieß. In einem Land, das nicht mehr existiert. Ich gehöre zur ersten Ost-Generation, die komplett im vereinigten Deutschland aufgewachsen ist. Als Baby hatte ich schon Pampers, keine Windeln aus Baumwolle mehr. Später habe ich dann selbstverständlich Nutella gegessen, nicht mehr Nudossi. Ich dachte immer: Osten und Westen, das ist doch Vergangenheit. Das Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin, hatte 16 Bundesländer, keine alten oder neuen, keine östlichen oder westlichen. Die DDR war für mich Geschichte wie das Römerreich. Abgeschlossen. Vorbei. Der Osten war nur eine Himmelsrichtung. Kein Gefühl.

Aber das hat sich ziemlich geändert. Heute, da das vereinte Deutschland und ich 27 Jahre alt sind, ist der Osten für mich ein Teil meiner Identität geworden. Seit zwei, drei Jahren sage ich sehr bewusst: Ja, ich bin Ossi. Heute rede ich mit meiner Familie darüber und mit Freunden, der Osten ist ein Thema für mich. Und das kam, weil sich vieles in unserem Land verändert hat.

Ich bin in Magdeburg aufgewachsen, aber mit 18 weggezogen, erst nach Berlin, dann nach München. Als Pegida aufkam, studierte ich gerade in Bayern – und stand auf der Gegen-Demo. Was die Leute in Dresden da wollten, kapierte ich genauso wenig wie die Menschen um mich herum. Diese ostdeutsche Wut, diese Angst vor Veränderung, irritierte mich. Aber mich irritierte noch etwas anderes, nämlich die Reaktion der Westdeutschen: Wie einige pauschal auf die Bewohner von fünf Bundesländern eindroschen, den Osten als rechtspopulistische Zone abkanzelten, wollte mir nicht in den Kopf – es regte mich ziemlich auf. Als einer, den ich kannte, dann tatsächlich vom "Ossi-Gejammer" redete, wenn es um Pegida ging, war ich erst mal kurz sprachlos. Ich dachte immer, dass "Wessis" tatsächlich solche Klischees benutzen – das sei ein Klischee. Doch was ich merkte in der Pegida-Zeit: Sprüche über den abgehängten, zurückgebliebenen Osten waren auf einmal keine Sprüche mehr, sondern Ernst.

Mein erstes ostdeutsches Gefühl, so etwas wie meine erste Phase der Ossi-Werdung, war deshalb eine Trotzreaktion. Ich war gegen Pegida. Aber auch gegen die, die aus Pegida einen pauschalen Vorwurf an die gesamte Region ableiteten. Ich fing an, den Osten zu verteidigen.

Da war zum Beispiel der 13. März 2016. Sachsen-Anhalt wählte eine neue Landesregierung, die AfD erzielte in meinem Bundesland 24,3 Prozent, wurde zweitstärkste Kraft. Das schockte auch mich. Ich dachte: Leute, so funktioniert das nicht! Aber dann besuchte ich Facebook und sah, was die Menschen schrieben, die ich in den vergangenen Jahren in Berlin, Hamburg oder München; den Städten, in denen ich gelebt habe, kennengelernt hatte: "Schäm dich, Sachsen-Anhalt", las ich da, "Tja, was machste mit so Leuten", oder: "Diese Hohlköpfe!" Und da dachte ich: Leute, so funktioniert das aber auch nicht! Ihr könnt doch nicht 25 Jahre lang wegschauen. Und dann alle als Hinterwäldler abstempeln. Da merkte ich, dass etwas schiefläuft, dass sich etwas ändern muss. So wurde ich das erste Mal zur Lokalpatriotin.

Ich begann, über die alten und neuen Länder zu reden – ständig. Wie der Herr an der Bushaltestelle mich einst danach gefragt hatte, fragte ich jetzt alle, die ich traf, nach den Unterschieden. Dabei schaute ich von außen auf den Osten, weil ich ja selbst nicht mehr dort lebte, weil ich ja selbst mit 18 weggezogen war.

Immer mehr lernte ich, wie wenig die meisten wissen. Meine westdeutschen Freunde, mit denen ich jetzt über den Osten sprach, beschrieben ihr Schulwissen über die DDR kurz zusammengefasst in etwa so: Es war einmal ein böser Staat, dank uns Westdeutschen haben sie dort nun sogar Bananen; jetzt ist auch mal gut. Klar ahnten sie, dass das Unsinn ist. Aber irgendwie dachten sie es trotzdem. Eine Freundin aus Bayern gestand mir, dass sie, wegen der AfD und Pegida, in ganz finstere Rollenmuster zurückfalle. "Die sind irgendwo tief in mir vergraben", sagte sie. "Sodass ich dachte: Scheiß Ossis! Ihr Jammerlappen, dass ihr euch immer noch benachteiligt fühlt."

Solche Aussagen, so empfand ich es, griffen meine Familie an. Unsere Geschichte. Und irgendwie auch mich. Deshalb veränderte sich etwas in mir. Sobald das Wort "Osten" auch nur fiel, stand ich innerlich bereit, etwas richtigzustellen. So entstand aus dem ersten Trotz ein Bedürfnis: zu erklären. Und selber noch mehr zu verstehen.