Vom Schweißer zum Schlächter – Seite 1

Es gibt eine Serie von Bildern, die dokumentieren, wie sich der junge Schweißer Martin Lemke aus Sachsen-Anhalt in einen militanten Islamisten verwandelt hat und am Ende bei den Schlächtern des IS landete. Hintereinander betrachtet, wirken die Bilder wie das Daumenkino einer Radikalisierung.

Das erste Foto zeigt Lemke im Januar 2012, es ist ein biometrisches Lichtbild für einen Personalausweis. Lemke trägt die Haare unauffällig, das Gesicht glatt rasiert, um den Hals liegt eine Kette. Zu sehen ist Martin, der 22-Jährige, im Blaumann, ein scheinbar normaler ostdeutscher Geselle.

Ein halbes Jahr später, im Juni 2012, tritt Lemke wieder vor die Kamera, diesmal für Aufnahmen für einen Betriebsausweis. Die Haare sind nun kurz geschoren, ihm wächst ein Kinnbart, der noch länger werden soll. Er nennt sich nicht mehr Martin, sondern Nihad, den Blaumann hat er gegen ein knöchellanges Gewand getauscht.

Das dritte Foto postet Lemke im Oktober 2012 bei Facebook, nun trägt er eine Gebetskappe, er steht vor einer Tafel, darauf eine Koransure. Er bearbeitet das Foto, fügt Blutflecken hinzu, außerdem den Schriftzug "Jihad".

Im Januar 2015 ist die Metamorphose abgeschlossen. Lemke posiert in einer schwarzen Uniform, der Zeigefinger der rechten Hand weist zum Himmel. Im Hintergrund: eine nahöstliche Stadt, vermutlich Rakka, die Hauptstadt des IS auf syrischem Boden.

Endlich ist er am Ziel. Hier wird Martin Lemke alias Nihad alias Abu Yasir al-Almani aufsteigen, Angst verbreiten, foltern und, so schreibt er es selbst nach Hause, Menschen enthaupten. Zunächst ist er Angehöriger der Hisbah, der Sittenpolizei des IS. Später wird er Kader der Amnijat, der "Staatssicherheit" – des berüchtigten IS-Geheimdienstes.

Seine Karriere im mittlerweile zerbröselnden "Kalifat" hat Martin Lemke zu einem der meistgesuchten Männer der Region gemacht. Kaum einer von den Hunderten, die sich aus Deutschland zum IS aufgemacht haben, ist so hoch aufgestiegen. Regelmäßig habe Lemke, so behauptet ein ehemaliger IS-Mann, die Nummer zwei des IS getroffen, den im August 2016 getöteten Abu Muhammad al-Adnani. Der leitete nicht nur die Amnijat, sondern war auch für die Planung von Anschlägen im Ausland zuständig.

Derart wichtig ist Lemke dem IS, dass er gemeinsam mit anderen ranghohen Kadern vor dem Fall Rakkas in Sicherheit gebracht wurde. Zuletzt vermuteten westliche Geheimdienste ihn in Majadin, nahe der Grenze zum Irak. Das war im Juli. Ob Lemke noch lebt, ist ungewiss, das letzte Lebenszeichen stammt aus dem Herbst. Sollte das nächste Mal ein Signal von ihm aufgefangen werden, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass die US-Armee eine Drohne losschickt, um eine Rakete auf ihn abzufeuern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Lemke wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung.

Seine Ehefrau darf nur noch mit Nikab auf die Straße

Aus Zeitz ins "Kalifat", vom Schweißer zum Schlächter, ein Fußballer, der Folterer wird: Wie ist dieser Lebensweg zu erklären? Ist er überhaupt zu erklären?

Der Burgenlandkreis im Süden Sachsen-Anhalts ist eine zerklüftete Landschaft, tiefe Löcher zwischen den Äckern, von Abraumbaggern in die Erde gefressen, die ganze Region hängt an der Kohle. Wer jung ist und Glück hat, findet Arbeit in einem Bergwerk. Auch Martin Lemkes Ausbildung beginnt bei einer Braunkohlegesellschaft. Mit 16 fängt er eine Lehre als Industriemechaniker an.

Sein damaliger Meister arbeitet noch immer im Ausbildungszentrum des Bergwerks und kann sich an seinen Schüler erinnern. "Er war nicht das hellste Licht auf der Torte", sagt er. Lemke sei weltoffen gewesen, habe Humor und "allerhand bunte Knete im Kopf" gehabt. "Ansonsten war er ein ruhiger Typ, vollkommen unauffällig." Nach der Lehre wird Lemke als Schweißer übernommen und bleibt sechs Jahre lang im Betrieb.

Aber der so unauffällige Lemke hat noch eine andere Seite: Bekannte schildern ihn als labilen, unsicheren Typen, der sich immer an Stärkeren orientiert habe, weil er um keinen Preis untergebuttert werden wollte. Als Schüler sei er erst gemobbt worden – und dann mit Bomberjacke herumgelaufen: Lieber wird er rechts, als Opfer zu sein. Ehemalige Freunde und Lothar Glanz, sein damaliger Boxtrainer, berichten, dass Lemke später seine freie Zeit in einer Art Gang verbracht habe, mit armenisch- und arabischstämmigen Jungs gekifft, sich geschlagen und Handys geklaut habe. Hauptsache, dazugehören, Hauptsache, mitmachen. "Er war ein schwieriger Charakter", sagt sein Boxcoach.

Seine Konversion und blitzartige Radikalisierung

Lemke ist ein guter Fußball-Torwart, mit elf wird er sogar in einem DFB-Stützpunkt trainiert. Nach Stationen bei Dorfvereinen wechselt er mit 22 Jahren zum SV Motor Zeitz, Kreisoberliga. Doch auch dort findet er nicht die Gemeinschaft, die er sucht. Die Mannschaftskameraden werden nicht warm mit ihm. "Er war ein Eigenbrötler", sagt ein ehemaliger Mitspieler, der Lemke seit der Kindheit kennt. Lemke sei dünnhäutig gewesen. "Darum war er auch immer sehr leicht zu überzeugen, wenn jemand was von ihm wollte."

2010 kommt Lemke über die Mutter eines kurdischen Freundes zum ersten Mal mit dem Islam in Kontakt. Die Frau ist gläubig, aber nicht radikal. Lemke ist fasziniert. Er befasst sich mit dem Koran, betet mit der Frau, schließlich konvertiert er.

Tausende Menschen treten jedes Jahr zum Islam über, an sich kein Grund zur Sorge. Doch bei Martin Lemke lässt sich im Rückblick nachzeichnen, wie er sich nach der Konversion blitzartig radikalisierte. Mit einer Wucht, die ihm kaum jemand zugetraut hätte. Forscher sagen, dass es für eine Radikalisierung kein Schema gebe. Aber meistens stehe am Anfang eine tiefe Frustration, die anfällig mache für die vermeintlich einfachen Lösungen radikaler Ideologien. Bei Lemke scheint es, als habe ihm der radikale Islam, dem er sich zuwendet, zu einer Identität verholfen, die ihn unangreifbar macht.

Zuerst wunderten sie sich, erzählen frühere Weggefährten, dass Martin nach den Spielen keine Bratwurst mehr essen wollte, auch Bier lehnte er ab. Wenn die anderen feierten, ging er nach Hause. Im Internet surfte er radikalen Predigern hinterher. Wenig später wird Lemke sogar zum Aktivisten, besucht im April 2012 den Oberbürgermeister von Zeitz, um einen Gebetsraum für die Muslime der Stadt zu fordern.

Seine Freundin bringt er dazu, ebenfalls zu konvertieren; sie heiraten in der umstrittenen Al-Rahman-Moschee in Leipzig. Als seine Ehefrau darf sie nun nur noch mit Nikab auf die Straße, das Gesicht bis auf einen Augenschlitz verhüllt. Sie darf nicht mehr ins Schwimmbad, das Haus nicht allein verlassen, seinen Kameraden verbietet Lemke, ihr die Hand zu geben.

"Du bist doch verrückt, du bist auf dem falschen Weg, unsere Religion zu leben", sagt ihm damals der kurdische Besitzer eines Dönerladens, in den Lemke gerne ging. Lemkes Reaktion: Er meidet den Imbiss fortan. In seiner Wohnung am Zeitzer Neumarkt prangt als Wandtattoo das Glaubensbekenntnis, sein Wecker klingelt nicht, sondern ruft zum Gebet. Ein paar Meter von der Wohnung entfernt liegt das Café Millennium. Lemkes Frau serviert hier Cremetorte und Eis – bis er ihr auch das verbietet. Er wolle als Märtyrer sterben, lässt er sie wissen.

Während sich Lemke zusehends radikalisiert, gerät er fast zwangsläufig in den Fokus der Sicherheitsbehörden. Und er tut nichts, um das Misstrauen zu zerstreuen. Im Mai 2012 bestellt er bei der salafistischen "Lies!"-Aktion Koran-Exemplare und verteilt sie. Im Dezember schreibt er auf Facebook, er sei bereit, für seinen Glauben zu sterben. Im Januar 2013 leiten die Behörden einen "Gefahren-Abwehrvorgang" ein. Der sächsische Verfassungsschutz schlägt ihn dem "islamistisch-dschihadistischen Spektrum" zu.

Im Februar 2013 zieht Lemke mit seiner Frau von Zeitz nach Leipzig in eine kleine Wohnung im arabisch geprägten Kiez der Eisenbahnstraße. Nachbarn behaupten, sie hätten das Paar eine Etage höher beten hören können. "Als ob er extra einen Lautsprecher verwendet hätte, damit wir das ja alle hören", erinnert sich eine Mutter im Haus. Noch ein letztes Mal wird er in seiner Heimat gesehen, bei einem Spiel von Motor Zeitz. Allein sitzt er am Spielfeldrand, im Kaftan und mit Gebetskappe auf dem Kopf. Als sein ehemaliger Ausbilder ihn auf der Straße trifft, ruft er ihm zu: "Na, Martin, du alter Papplöffel, wie geht’s?" Lemke starrt ihn an und sagt: "Ich heiße nicht mehr Martin, mein Name ist Nihad."

Dschihadisten bezeichnen sich selbst manchmal als Ghurabaa: als Menschen, die in einer Welt voller Ungläubiger Fremde sind. Das ist jetzt der Geisteszustand des Martin Lemke. Mit der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, verbindet ihn nichts mehr. Seine Frau trennt sich von ihm, weil sie nicht akzeptiert, dass er eine Zweitfrau nehmen möchte. Stattdessen heiratet er eine französische Muslimin, mit der er im Januar 2014 einen Sohn bekommen wird. Wenig später kommt offenbar eine Zweitfrau mit dagestanischen Wurzeln hinzu.

Im Sommer 2014 ruft der IS nach der Einnahme der irakischen Millionenstadt Mossul sein "Kalifat" aus. Tausende Dschihadisten aus Westeuropa machen sich auf, um den Pseudostaat zu bevölkern. Im niedersächsischen Hildesheim, 235 Kilometer von Leipzig entfernt, residiert ein Mann, der beste Beziehungen dorthin hat und sich Vertrauten gegenüber als Repräsentant des IS auf deutschem Boden bezeichnet: Abu Walaa, ein Nordiraker, der ein Netzwerk von Gefolgsleuten um sich geschart hat, zu welchem, Jahre später, auch der Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäter Anis Amri stoßen wird.

Abu Walaa, der heute in Celle vor Gericht steht, hilft zu jener Zeit militanten Islamisten aus ganz Deutschland, in den Nahen Osten zu kommen: mit Empfehlungen, mit ideologischer Aufrüstung, mit Geld. Auch für Lemke wird Hildesheim zur Zwischenstation auf dem Weg in den Dschihad. Von Abu Walaa soll er 2.000 Euro Reisekostenzuschuss erhalten haben.

"Ich habe Menschen die Köpfe abgeschlagen"

Am 2. November 2014 steigt Lemke mit seiner Familie in Hannover in ein Flugzeug nach Istanbul und reist dann weiter nach Syrien. Es hat genug Alarmzeichen gegeben, dass er sich radikalisiert hat, dass er gewaltbereit ist, terrorinfiziert. Aufgehalten hat ihn niemand. Und so beginnt die nächste Etappe im Leben des ehemaligen Schweißers: als Terrorknecht im Nahen Osten.

Kaum im "Kalifat" angekommen, heiratet er eine dritte Frau, eine Deutsche, die als 15-Jährige zum IS gegangen ist. Sie schreibt nach Hause, ihr Mann sei "Polizist" in Rakka. Viele foreign fighters arbeiten bei der Hisbah: Sie bestrafen jene, die sich den Regeln des IS widersetzen, verbrennen geschmuggelte Zigaretten, kontrollieren die Länge der Hosen und Bärte der Männer. Sie bekommen Gehalt und können sich Familien, Wohnungen und gutes Essen leisten. Sie sind gefürchtet, aber sie sind nicht die Elite.

Selbst andere IS-Kämpfer sagen über ihn, er sei "gewissenlos" geworden

Die Elite, das ist der "Sicherheitsdienst", der Anschläge im Ausland plant und als Geheimpolizei im Inneren wirkt: Spione aufspüren, Verräter finden, Geständnisse beschaffen.

Einer, der Lemke in dieser Zeit kennenlernt, ist Anil O., der 2016 den IS verließ und umfangreich ausgesagt hat. Die deutschen Behörden und Gerichte halten seine Schilderungen für glaubwürdig.

Lemke und Anil O. begegnen einander im Gefängnis von Rakka. O. wird verdächtigt, ein Deserteur zu sein. Und Lemke ist es, Pistole und Walkie-Talkie, Block und Stift in der Hand, der ihn verhört – nachdem O. zuvor in einer Art Psychiatrie des IS mit Psychopharmaka über Tage hinweg gefügig gemacht worden sein soll.

O. zufolge brüstete sich Lemke damit, zum Geheimdienst des IS zu gehören und für die Deutschen zuständig zu sein. Normalerweise, so Lemke, stehe auf Fluchtversuche die Hinrichtung. Aber wenn O. über seinen Fluchtplan und Kontakte zu Schleusern auspacke, werde er versuchen, die Todesstrafe abzuwenden. Lemke sagte O. zufolge auch, dass der Hildesheimer Prediger Abu Walaa ihn zum IS gebracht habe. Am Ende ist es diese Verbindung, die O. das Leben rettet: Auch O. war von Abu Walaa geschickt worden; Lemke befürchtete offenbar schlechte Publicity für den Scheich von Hildesheim, wenn einer seiner Schützlinge als Verräter hingerichtet würde.

Das Verhör, sein Detailwissen und die Behauptung, er rede regelmäßig mit dem IS-Vize Al-Adnani, lassen den Schluss zu, dass Lemke zu diesem Zeitpunkt tatsächlich beim IS-Geheimdienst angekommen war. Unter den deutschen Kämpfern in Rakka kursierte O. zufolge die Geschichte, dass Lemke vor seiner Beförderung einen Spionagering habe hochgehen lassen. Das habe seinen Aufstieg bewirkt. Ein europäischer Ex-Geheimdienstler, der viele Akten von foreign fighters kennt, hält das für plausibel: Dies sei ein klassischer Einstieg in die Amnijat.

Das "Kalifat" ist ein Polizeistaat, in dem jeder jedem misstraut. In diesem Horrorkosmos ist Lemke eine mächtige Figur, der Folterknecht von Rakka lässt andere leiden, fährt in einem Audi mit getönten Scheiben umher und ist allgemein verhasst. Abu Yasir habe sich "extrem verändert", zitiert Anil O. einen deutschen Kämpfer, der zuvor mit Lemke befreundet gewesen sei: Er sei "gewissenlos" geworden.

Anil O. kommt glimpflich davon, denn Abu Walaa setzt sich offenbar aus der Ferne für ihn ein. Andere haben weniger Glück: Europäischen Sicherheitsbehörden liegen Aussagen vor, denen zufolge Lemke ein Folterer und Mörder ist. Im Stadion von Rakka, das zum Sicherheitskomplex des IS gehörte, soll er mehrere Personen zu Tode gequält haben, mutmaßlich des Verrats verdächtige IS-Kämpfer. Und Lemke selbst schickte einem Bekannten Facebook-Nachrichten, die die ZEIT einsehen konnte. Darin heißt es: "Ich habe Menschen die Köpfe abgeschlagen."

Das passt zu dem, was ein junger Mann aus dem Nordirak im August 2015 der Polizei in Naumburg erzählte: Es existiere ein Video, gab er zu Protokoll, auf dem zu sehen sei, wie Lemke eine Enthauptung vornehme und anschließend mehrere Menschen nacheinander erschieße. Er habe Lemke, den er aus Zeitz vom Sehen kenne, darauf wiedererkannt. Das Video liegt den Behörden allerdings nicht vor.

Der IS hat heute kein Territorium mehr. Wenn Lemke noch lebt, sitzt er vermutlich irgendwo im Euphrat-Tal, als einer von einigen Hundert versprengten IS-Kämpfern, von denen noch etliche sterben werden, gejagt von kurdischen Kämpfern, irakischen Soldaten, schiitischen Milizionären oder westlichen Streitkräften. "Wir schauen in den Lauf der Waffe und sehen das Paradies", schrieb Martin Lemke im Dezember 2012.

Der erste Teil der Prophezeiung dürfte wahr geworden sein.