Dieser Mann lügt so routiniert, dass es kaum auffällt, wenn er der Weltpolitik einen raren Moment der Wahrheit beschert. Donald Trumps überraschende Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die amerikanische Botschaft dorthin zu verlegen, ist so ein Augenblick.

Bei keinem anderen Thema der internationalen Politik wird seit Jahrzehnten derart schamlos geheuchelt wie beim Nahostkonflikt. Man könnte Trump fast dankbar sein, damit Schluss gemacht zu haben.

Dass ihm nun vorgehalten wird, er untergrabe den Friedensprozess, legitimiere das israelische Besatzungsregime und breche womöglich eine "dritte Intifada" vom Zaun, ist noch Teil dieser Heuchelei: Der sogenannte Friedensprozess ist seit Jahren bereits nichts anderes als ein Feigenblatt der Besatzungs- und Siedlungspolitik, und die Palästinenser verspüren offenbar keine Lust zu einem weiteren blutigen Aufstand.

Trumps Jerusalem-Entscheidung ist dennoch von epochaler Bedeutung. Nur anders als intendiert: Sie markiert nicht die Rückkehr einer kraftvollen amerikanischen Politik der Mittlerrolle, sondern deren Ende. Und sie erhellt unfreiwillig die grundlegend neuen Kräfteverhältnisse im Nahen Osten.

Wem gehört Jerusalem? Trumps Antwort war eindeutig: Israel. Den palästinensischen Anspruch auf Ostjerusalem hat er nicht einmal mehr erwähnt. Die einseitige Festlegung auf die israelische Position macht Schluss mit dem amerikanischen Anspruch, "ehrlicher Makler" im Nahostkonflikt zu sein. Nicht dass der noch viel Glaubwürdigkeit hatte – doch nun hat Trump den Endstatus Jerusalems als Hauptstadt Israels vorweggenommen und damit den letzten Anreiz für Verhandlungen beseitigt.

Drei miteinander verschlungene Entwicklungen kennzeichnen die Lage: Hundert Jahre westlicher Dominanz im Nahen Osten neigen sich dem Ende zu. Der Rückzug Amerikas begünstigt die Wiederkehr konkurrierender Mächte wie Russland und Iran. Und an die Stelle der palästinensischen Sache tritt die Konkurrenz zwischen Saudis und Iranern als regionales (Un-)Ordnungsprinzip.

Der amerikanische Rückzug hat mit Trump nicht begonnen. Schon der jüngere Bush und Obama hatten den Friedensprozess klammheimlich aufgegeben. Obama erklärte zwar anfangs die Lösung des Nahostkonflikts zur Chefsache und ließ seinen Außenminister Kerry noch vermitteln, glaubte aber mit der Zeit nicht mehr an einen Erfolg. Das Atomabkommen mit dem Iran war ihm wichtiger als die Lage der Palästinenser. Auch der Trump-Regierung geht es heute um den Iran, wenn auch mit anderer Pointe: Sie will Teheran nicht wie Obama durch Verträge wieder an die Weltgemeinschaft anbinden, sondern die schiitische Vormacht notfalls mit Gewalt zurückdrängen lassen – und baut darum eine israelisch-arabische Allianz.

Umstrittenes Land

Quelle: Ir Amim, Stand: April 2017 © ZEIT-Grafik

Man sieht im Rückblick, wozu der Friedensprozess gebraucht wurde: Er verbarg eine Zeit lang das zentrale Dilemma der amerikanischen Nahostpolitik – zugleich mit Israel und den arabischen Regimen verbündet zu sein. Darum war der Eindruck wichtig, man setze sich auch für die Palästinenser ein. Das ist nun offenbar nicht mehr nötig: Israel und Saudi-Arabien (und die Regierungen in seinem Gefolge) sind bereits in einer unausgesprochenen Allianz auf den Gegner Iran fixiert. Das Nachsehen haben die arabischen Brüder unter israelischer Dominanz in Ostjerusalem, im Westjordanland und im Gazastreifen, die dabei nur noch stören.