Eine der hübschesten Anekdoten über den 1993 verstorbenen Tänzer Rudolf Nurejew geht so: Wenn die Ballerina an seiner Seite die Publikumsaufmerksamkeit fesselte und ihn ins Abseits zu manövrieren drohte, stellte er sich rücklings zur Rampe, spannte die Muskeln seines Allerwertesten an – et voilà, schon klebten aller Blicke an seinem Gesäß.

Kaum einer besaß so viel Sex-Appeal wie der Tausendsassa des Tanzes, der sich 1961 während einer Tournee des Sankt Petersburger Kirow- und heutigen Mariinski-Balletts in den Westen absetzte. Dort gelang ihm eine fabelhafte Karriere auf und hinter der Bühne, wo er sich als Choreograf und Direktor des Pariser Opernballetts behauptete.

Jetzt hat Hamburgs Ballettchef John Neumeier mit seiner Truppe nicht den eigenen, 1979 entstandenen Don Quixote neu aufgelegt, sondern auf Rudolf Nurejews 1966 an der Wiener Staatsoper herausgebrachte Version zurückgegriffen. Die führt zwar ebenfalls Miguel Cervantes Ritter von der traurigen Gestalt im Titel, erzählt aber – anders als Neumeiers Tanznovelle – eine Liebesmär: die Geschichte der Wirtstochter Kitri und des Barbiers Basilio, deren Liaison trotz Nebenbuhler und väterlichem Veto doch noch auf die Hochzeitsgerade einbiegt.

Wie so viele andere kopiert auch Nurejews Fassung die Umrisse des 1869 uraufgeführten, später mehrfach umgearbeiteten Klassikers von Marius Petipa, den der Starballerino noch in Sankt Petersburg selbst getanzt hat. Ausgerechnet dort ist man auf den abtrünnigen Exilanten allerdings gar nicht mehr gut zu sprechen. Was weniger damit zu tun hat, dass er sich seinerzeit aus dem Staub gemacht hat, als mit seinen eigenmächtigen Eingriffen in die Substanz des Balletterbes.

Womit die Allerwertesten-Anekdote ins Spiel kommt: Nurejew fand, dass Petipas Originale von Dornröschen, Nussknacker oder eben Don Quixote die männlichen Partien unter Wert verkauften, während die Damen im Spitzenschuh brillierten. Also sattelte er beim Barbier Basilio allerlei technische Kabinettstückchen drauf, zog Szenen und Motive zusammen, modelte an den Pas de deux herum und würzte das Ganze mit einer gehörigen Portion Humor und Hispano-Flair.

Seitdem gilt der im Westen vergötterte "Rudik" daheim als Verderber der stolzen russischen Ballett-Tradition. Folgerichtig hat denn auch ein Franzose seinen Don Quixote mit dem Hamburg Ballett einstudiert: Manuel Legris, Leiter des Wiener Staatsballetts und früher Danseur Étoile der Pariser Oper, ist intim mit dem Repertoire-Knüller vertraut, also der richtige Mann für dessen Export an die Dammtoroper.