Anita Fetz ist SP-Ständerätin in Basel. © privat

Massenphänomene waren mir schon immer suspekt. Mitzugehen, nur um mitgegangen zu sein, weil andere auch gehen, das mag ich nicht.

Deshalb habe ich mich bisher nicht zur Affäre Weinstein & Co. geäußert. Auch nicht zu dem, was sie in der Schweiz ausgelöst hat. Wirklich überrascht war ich dann allerdings über eine Medienanfrage, ob mich vielleicht ein Walliser CVP-Politiker ebenfalls blöd angemacht habe. Selbstverständlich nicht! Der hätte sonst subito eine geflattert bekommen, sodass ihm die Ohren gewackelt hätten.

Die Schriftstellerin Güzin Kar hat die Folgen der Weinstein-Affäre in ihrer Kolumne auf den Punkt gebracht. Es sollte nun auch dem Hintersten und Letzten klar sein: "Sexuelle Belästigungen sind keine Erfindung von penisneidischen Kampflesben und Traktoremanzen, sondern etwas, worunter Menschen leiden." Man kann das gar nicht oft genug wiederholen.

Mir kommt die Galle hoch, wenn nun eine Nationalrätin von ihren Parteikumpels zu hören bekommt, sie solle sich halt weniger figurbetont kleiden. Ganz nach dem Motto: Sie hat es herausgefordert. Die Opfer so darzustellen, als würden sie heimtückische Fallen stellen für arme, hormonell umnachtete Männer, denen die überforderten Hirnzellen regelmäßig in die Hose rutschen? Das ist übelste Macho-Denke. Dann können wir gleich ein Burka-Gebot einführen.

Liebe und weniger liebe Männer, um den großen Schriftsteller Gotthelf zu aktualisieren: Im Männerhirn muss gesunden, was leuchten soll im Vaterland. Das Erfreuliche: Viele Männer leuchten da schon lange. Sie kennen den Unterschied zwischen einem Flirt und sexueller Belästigung. Dazu brauchen sie auch keine "Unangreifbarkeitserklärung". Das Unerfreuliche: Es sind immer noch zu viele, die nicht leuchten. Deshalb ist es wichtig, die Kultur der Omertà, des Schweigens zu durchbrechen. Und siehe da, es sind fast immer im Kern verklemmte, narzisstische Würstchen, die mit sexuellen Übergriffen ihre Macht demonstrieren müssen. Kein souveräner, selbstbewusster Mann hat das nötig.

In den achtziger Jahren haben viele Frauen, darunter auch ich, fröhlich und rudelweise Selbstverteidigungskurse besucht. Frau läuft danach ganz anders in der Gegend herum. Sollten deshalb Selbstverteidigungskurse zu Frauenpflicht werden? Früher hätte ich dazu Ja gesagt. Heute nicht mehr. Wir wären sonst am selben Punkt wie bei der Kleiderfrage: Sie hat ja einen Kurs besucht, sie hätte sich verteidigen können, wenn sie sich hätte verteidigen wollen ...

Was ich jüngeren Frauen trotzdem sagen will: Das Leben ist kein Film mit Happy End. Ihr müsst ein Happy End wollen und auch etwas dafür tun. Und zwar nicht einfach durch stumme Likes und Retweets auf Twitter, Facebook oder Instagram. Sondern im wirklichen Leben. Rechte und Freiheit fallen nicht vom Himmel, ihr müsst sie euch erkämpfen – gerne im partnerschaftlichen Verbund mit euren männlichen Kollegen. Das ist der Sinn und Zweck von Politik und einer öffentlichen Debatte.

Ihr dürft die Verhältnisse nicht als gegeben betrachten, sondern müsst sie dort verändern, wo es Veränderungen zum Guten braucht. Und ihr müsst aufstehen, wenn einst erkämpfte Errungenschaften plötzlich verloren zu gehen drohen.

Geschenkt bekommt ihr das nicht. Ihr müsst euch für eure Anliegen einsetzen. Mit Worten, mit Taten und mit einem langem Atem.

Ihr steht auf den Schultern von Frauen, die vor euch für Frauenrechte gekämpft haben, die ihr heute als selbstverständlich anschaut. Die es aber nicht sind, wie die Affäre Weinstein & Co. schmerzlich und heftig in Erinnerung gerufen hat.

Nächste Woche in der "Nord-Süd-Achse": Der große Abschiedsfragebogen mit unseren beiden Kolumnisten Anita Fetz und Tito Tettamanti