Warum in dieser Serie junge Ostdeutsche ihre Herkunft ergründen

Wenn sich Zufälle häufen, sind es meistens keine. Deshalb haben wir auch nur kurz an Zufall geglaubt, als sich in den vergangenen Wochen ein junger ostdeutscher Autor nach dem anderen, eine junge ostdeutsche Autorin nach der anderen in unserer Redaktion meldete: Er oder sie wolle gerne eine Geschichte der eigenen Familie erzählen, eine Auseinandersetzung mit den ostdeutschen Wurzeln versuchen, das Verhältnis zu den Eltern aufarbeiten. Sich fragen, woher man kommt. Rätsel der Vergangenheit lösen. Eine Erkundung starten: was das eigentlich heißt – jung zu sein und aus dem Osten.

Wir haben beschlossen, diese Angebote anzunehmen und eine Serie daraus zu machen: eine Serie für die Weihnachtszeit. Schlicht weil wir finden, dass all diese Geschichten jetzt erzählt werden müssen – genau jetzt. Deshalb berichten, von dieser Woche an, junge ostdeutsche Autoren auf diesen Seiten, was passiert, wenn sie den Blick auf sich selbst, auf ihre eigenen Familien wagen. Den Anfang macht unsere Kollegin Valerie Schönian, in Gardelegen geboren, Redakteurin im Leipziger Büro der ZEIT.

Eines – so viel kann man heute schon verraten – haben alle Texte gemeinsam, die Sie hier in den kommenden Wochen lesen können: Alle eint der Umstand, dass sich ganz offensichtlich ein zweiter zentraler biografischer Bruch im Osten entwickelt hat, eine Trennlinie, die in den Familien seit 1989/90 entstanden ist. Und die jetzt sichtbar wird.

Die Rede ist von jenem Bruch, der mit dem Erstarken von Pegida und, mehr noch, der AfD entstand.

Wer sich vor Pegida, vor der AfD nicht auf den Osten besann, wer sich vielleicht mit seiner Herkunft gar nicht so sehr beschäftigte, wer womöglich gar versuchte, sie zu ignorieren – der wurde in den vergangenen zwei oder drei Jahren häufig umso heftiger und umso plötzlicher auf sein Ostdeutsch-Sein zurückgebracht. Denn auf einmal kann man sich der Herkunft nicht mehr entziehen.

Der Ostdeutsche, der im Westen lebt, wird ständig gefragt: "Was ist da bei euch los?" Und er muss Antworten finden.

Der Ostdeutsche, der im Osten lebt und nicht zu Pegida geht, nicht AfD wählt, kommt sowieso nicht umhin, sich zu fragen: Was ist denn da bei uns los?

Und der Ostdeutsche, der beschlossen hat, Pegida zu besuchen, die AfD zu wählen? Der begründet das häufig auch mit seinen Wurzeln.

Daran entzünden sich Streite und Konflikte, allzu oft gehen Risse durch Familien. Man bringt sich, gewissermaßen, gegenseitig auf die Tanne.

Was aber deutlich wird, wenn man anfängt, darüber zu reden? Dass bislang etwas unsichtbar gewesen ist. Nämlich: wie heftig anders die Zeit nach 1990 im Osten verlaufen ist. Im Vergleich zum Westen, aber auch im Vergleich zur Zeit vor 1990.

Und nun kommt die Gemeinsamkeit, auf die die meisten jungen Autoren stoßen, die sich jetzt, gerade jetzt, mit ihrer ostdeutschen Geschichte auseinandersetzen: Sie sehen und spüren und erfühlen, dass sie eigentlich gar nichts wussten.

Eigentlich gar nicht wussten, wie das damals war, als der Job des Vaters verloren ging. Eigentlich gar nicht wussten, wie das damals war, als die Mutter zum ersten Mal im neuen West-Auto saß. Eigentlich gar nicht mehr wussten, wie sie selber sich gefühlt haben, als sie erlebten, wie die Familie von einem Ort zum nächsten ziehen musste, der Arbeit wegen. Oder wie sie sich gefühlt haben, als sie sahen, dass in ihrer Heimatstadt sich Straßenzug um Straßenzug veränderte, hier abgerissen und da neu aufgebaut wurde.

Die krassen Umwälzungen, die der Osten nach 1990 erlebt hat, sind so passiert, als wären sie selbstverständlich gewesen. Vielfach sieht man erst im Rückspiegel, durch welche Zeiten da alle miteinander eigentlich gerast sind.

Aber wieso ist dieser Blick in den Rückspiegel eigentlich wichtig?

Weil derjenige, der weiß, was hinter ihm liegt, auch besser weiß, wie er das angehen kann, was er durch die Frontscheibe sieht. Die Familien, die jetzt diskutieren, streiten, reden, die berichten vielfach: wie befreiend sich das anfühlt, wie viel neue Nähe sich entwickeln kann selbst aus einer anfänglichen Entfremdung, die entsteht, wenn der eine auf einmal zu Pegida läuft und der andere das überhaupt nicht verstehen kann. So gesehen fängt der Osten, fangen die Ostdeutschen womöglich gerade erst an, sich selbst zu verstehen. Damit kann aus dem Schock der letzten Jahre auch noch etwas Positives erwachsen. Diese Texte, auf diesen Seiten, sollen ein Anfang sein. Und vielleicht, das wäre das größte Glück, sind sie ja sogar Inspiration – für alle, die in der Weihnachtszeit ihre Familie sehen. Und endlich auch mal reden wollen. Weil es ja hilft.

Möchten auch Sie Ihre Geschichte erzählen? Haben Sie ähnliche Erlebnisse in Ihrer Familie, Ihrem Umfeld gemacht? Mailen Sie uns an osten@zeit.de