Das Ganze ist ein maßgeschneidertes Missverständnis.

Karl "Ich bin Hanseat" Lagerfeld kehrt in seine Heimatstadt zurück und widmet ihr eine ganze Kollektion. Austragungsort der Schau: die Elbphilharmonie. Das Wahrzeichen aus dem Exil trifft auf das Wahrzeichen vor Ort, beide sind kostspielig. Das Chanel betreibende Brüderpaar Alain und Gérard Wertheimer soll für die Sause einen zweistelligen Millionenbetrag hingelegt haben. Und was Steuerzahler und Bund für die Elphi aufbrachten, weiß man ja.

Das Missverständnis, der Couturier sei an den Quellort seines kreativen Genies zurückgekehrt – Lagerfeld wurde 1933 in Hamburg als Sohn eines Milchpulverfabrikanten und dessen so kunstsinniger wie kaltschnäuziger Ehefrau geboren –, um sein Spätwerk biografisch aufzuladen, ist aus lokalpatriotischer Hinsicht vollkommen nachvollziehbar. Man ist eben stolz, so einen Erfolgstyp hervorgebracht zu haben. Einen, der die Pfeffersäcke gegen Tweed eingetauscht und den eigenen Fischkopp zum global verwertbaren Logo umgemodelt hat.

Mit der Stadt hatte dieses stilistisch überragende und infrastrukturell betrachtet hirnrissige Spektakel (300 Limousinen fürs Hin- und Herkutschieren der angereisten Gäste) aber nur sehr wenig zu tun. Für Lagerfeld ist Hamburg, wie er selber sagt, "eine Idee", "eine Tapete in meinem Kopf". Deshalb bekam man beim Defilee in der Elphi, mehr noch aber im Anschluss, bei der Party in der Fischauktionshalle, quasi die platonische Fashionversion der Metropole präsentiert. Hamburg als reales Gemeinwesen mit seinen politischen und wirtschaftlichen Problemen interessiert Lagerfeld ebenso wenig wie als Selbstbesinnungsareal. "Olaf Scholz? Den kenne ich nicht", sagte der Modemacher nach der Show.

Dass Lagerfelds Eltern Bilderbuchvertreter des weißen patrizischen Hamburgs waren, geschenkt. Dass seine Mutter Bonmots zu seiner Erziehung beitrug wie "Das hier ist das Tor zur Welt, aber du musst schon durchgehen" – auch schön. Aber dass es deshalb so etwas wie eine persönliche Rückbesinnung auf die Heimat und ihre Folklore gäbe, ist falsch. "Ich habe Glück gehabt, dass dieses unglaublich tolle Gebäude existiert. Sonst wüsste ich nicht, wo ich das hätte machen können in Hamburg", hat Lagerfeld erklärt. Das heißt: Ein Bauwerk, das sich zwei Schweizer ausgedacht haben und das in der Stadt erst einmal abgelehnt wurde und sogar verhindert werden sollte, hat einen in Paris lebenden Modeschöpfer zu einer global vermarktbaren Prêt-à-porter-Kollektion motiviert (in den Läden ab Juni 2018).

Inspiriert hat ihn nach eigener Aussage außerdem die Kastenform der Container, also die Gestalt einer Industrienorm. Auch nicht gerade eine nostalgische Anwandlung, sondern artistisches Kalkül.

Wenn die Chefredakteurin der deutschen Vogue dann am Ende des Abends vor Rührung weinte – "Es war seine persönlichste Schau bislang" – und Lily Rose Depp, Chanel-Model und Johnny-Depp-Tochter, erklärte, "es ist so bewegend, Karl hier zu sehen, an dem Ort seiner Herkunft", dann waren sie demselben Bedürfnis aufgesessen wie ein Großteil der Hamburger Öffentlichkeit. Dass nämlich dieser extrem coole, alles Persönliche und Menschlich-Allzumenschliche in Stilgesten ummünzende Künstler jetzt irgendwie nahbar und persönlich werden würde.

Die Modenschau in der Elbphilharmonie war eher das Gegenteil: der Beweis, dass Hamburg tatsächlich zum Global Player geworden ist, weil es eine Mehrzweckhalle von so überragender ästhetischer und marketingeffizienter Strahlkraft errichtet hat, dass man aus ihr, entsprechendes Talent vorausgesetzt, alles machen kann, auch einen Showroom für Couturiers. Als Konzerthaus ist die Elbphilharmonie umstritten – "die akustischen Verhältnisse sind kompliziert", hat der scheidende und sehr gekränkte Chefdirigent Thomas Hengelbrock am vergangenen Wochenende erklärt. Aber als Laufsteg: eins a.

Ist das schlimm? Nein. Es war, im Falle von Lagerfelds Defilee, sogar eine der besten denkbaren Anwendungen dieses Orts. Wenn man ein Kulturhaus schon in populärer Weise bewirtschaftet, dann doch so – mit einem perfekten Ausdruck handwerklichen Know-hows.