Dieses Computerdenken kann man lernen, ohne den konkreten Programmcode zu kennen, sagt auch Ulrich Kortenkamp, der an der Universität Potsdam Didaktik der Informatik lehrt. Er ergänzt aber, dass es viel einfacher und schöner sei, wenn man auch programmieren darf. "Das ist die naheliegende praktische Umsetzung, die man sich nicht nehmen lassen sollte."

Schon der Begriff "Programmiersprache" ist ein wenig irreführend. Java oder C sind ungefähr in dem Maße Sprachen wie gebrüllte Befehle auf einem Kasernenhof: Die Kommunikation geht nur in eine Richtung. Der Mensch teilt dem Computer mit, was er zu tun hat. Es fehlt die Mehrdeutigkeit, die Interpretierbarkeit, die die menschliche Sprache ausmacht. Ein Komma falsch gesetzt, und schon gibt der Computer eine Fehlermeldung aus – was eingefleischte Computerfreaks dazu inspiriert, besonders elegant geschriebenen Codes als Poesie zu betrachten.

Programmieren ist kein Dialog, und man lernt eine Programmiersprache mit einer anderen Absicht als eine Fremdsprache. Wer sich in Französisch oder Chinesisch übt, will sich mit Menschen in anderen Kulturen austauschen. Wer Java oder C++ lernt, will dem Computer seinen Willen aufzwingen.

Dazu muss man vor allem verstehen, was ein Algorithmus ist. So wie man einen Gedanken in vielen verschiedenen Sprachen ausdrücken kann, ist ein Algorithmus eine Programmstruktur, die sich in unterschiedlichen Programmiersprachen mehr oder weniger umständlich formulieren lässt. Ein Algorithmus ist eine Art Kochrezept für den Computer: Das zu lösende Problem wird in kleine, eindeutig definierte Schritte zerlegt, die der Rechner nacheinander abarbeitet. Dabei sind Verzweigungen erlaubt ("Wenn an einem hineingestochenen Holzstäbchen noch Teig kleben bleibt, den Kuchen weitere fünf Minuten backen, sonst aus dem Ofen holen") oder auch Schleifen ("Mache dasselbe mit dem zweiten Hühnerschenkel").

Um einen Algorithmus zu formulieren, muss man keine Programmiersprache beherrschen, auch wenn das nützlich sein kann. Es geht genauso mit einem Flussdiagramm, das man auf ein Blatt Papier zeichnet. Oder mit einem Kartenspiel. Inzwischen gibt es mehrere Spiele, oft durch Crowdfunding-Kampagnen finanziert, mit denen schon Fünfjährige einfache Algorithmen verstehen können. Auf einem Spielfeld schieben sie Figuren hin und her, deren Bewegungen sie mit Spielkarten steuern. Ein Stapel Karten ist ein Programm. Oder sie programmieren Spielzeugroboter mithilfe von bunten Befehlsblöcken, die auf dem Smartphone- oder Tablet-Bildschirm aneinandergereiht werden, ohne dass man die komplizierte Syntax einer "richtigen" Programmiersprache lernen muss (siehe dazu die LEO-Kinderseite).

Solche spielerischen Ansätze können die Angstschwelle nicht nur für Kinder senken, sondern auch für Eltern. Die würden im Erwachsenenalter vielleicht auch nicht mehr mit dem Studium einer neuen Fremdsprache beginnen, aber sie können ihr Kind spielerisch begleiten, wenn es die ersten Schritte in die unbekannte Programmierwelt unternimmt. Und vielleicht verstehen sie dann selbst die Algorithmen besser, die unseren Alltag prägen.

Nirgendwo ist die Rede vom "lebenslangen Lernen" angebrachter als in der sich rapide wandelnden digitalen Gesellschaft, die gleichzeitig faszinierend und bedrohlich ist. Zu verstehen, nach welchen Prinzipien die Computer arbeiten, die sich zunehmend in unser Leben drängeln, ist tatsächlich eine Basisfähigkeit. Eine ausgewachsene Programmiersprache dagegen muss nicht jeder beherrschen.

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