Sechs Monate sind in der klassischen Musik, die in Drei-, Vier-, Fünfjahreskalendern denkt, nicht viel. Sechs Monate reichen in der Planung gerade eben, um bei jenen anzuklopfen, die einem vielleicht noch etwas schuldig sind oder gerade Zeit haben, warum auch immer.

Sechs Monate noch – dann ist Thomas Hengelbrock weg aus Hamburg. In einem Interview mit der Welt am Sonntag ließ der 59-jährige Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters verlauten, dass er seinen ohnehin im Sommer 2019 auslaufenden Vertrag bereits ein Jahr früher kündigen werde, zum Sommer 2018. Das klingt nach schlechter Stimmung und zerschnittenen Tischtüchern, nach verletzter Eitelkeit und später Rache. Hengelbrock gilt als dünnhäutig und ist im Kernrepertoire wenig sattelfest, das Orchester wiederum experimentiert nicht gern, gibt sich im Umgang aber robust – da dürfte es öfter mal gekracht haben, allem makellos schönen Elphi-Schein zum Trotz.

Schlimm ist das an sich nicht, Künstler müssen sich auseinandersetzen. Schlimm ist vielmehr, dass der inhaltliche Dissens offenbar so tief wurzelt, dass er nicht einmal vor den Kommunikationsstrategien des NDR haltmacht.

Ende Juni hatte der Sender erklärt, Hengelbrock werde seinen Vertrag nicht verlängern. Nur vier Tage später zauberte man mit Alan Gilbert den Nachfolger aus dem Hut – ein Fauxpas. Noch übler war es, diesen zu präsentieren, während der Ist-Chef sich gerade die Finger wund dirigierte. Seither war Hengelbrock beleidigt. Zu Recht.

Dass er sich jetzt rächt, indem er dem NDR öffentlich einen Fußtritt verpasst, mag ebenfalls kein guter Stil sein. Doch wenigstens macht Hengelbrock sich ehrlich, und der Affront sollte dem NDR zu denken geben. Der Terminkalender wird zu stopfen sein (mit Gilbert und Krzysztof Urbanski), und das halbe Jahr geht auch irgendwie rum. Dass ein Musiker wie Hengelbrock jedoch, der 2011 aus der freien Szene kam, in den Strukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks letztlich nicht reüssiert, lässt für die Zukunft wenig Gutes hoffen. Für beide Seiten.