Die Gerichtsreporterin Brigitte Hürlimann war vier Jahre lang Präsidentin der Personalkommission der NZZ. In dieser Rolle hat sie zwischen Management und Angestellten vermittelt. Im September hat Hürlimann gekündigt, nachdem sie den Job als Korrespondentin am Schweizer Bundesgericht nicht erhalten hatte. Es war die Begründung, die sie erzürnte: Sie sei "zu wenig formbar", ihre persönlichen und politischen Überzeugungen seien zu wenig "bürgerlich", und – Brigitte Hürlimann lacht noch immer ungläubig, wenn sie das erzählt – sie sei nicht genug qualifiziert, schreibe ohnehin zu schlecht. Hürlimann, die in ihren 24 Jahren bei der NZZ, zwölf davon fest angestellt, drei Journalistenpreise gewonnen hat, sagt: "Was ich fachlich mitbringe, meine Erfahrung, meine Qualifikation, das ist plötzlich alles unwichtig. Es zählt nur noch, ob ich politisch auf Linie bin." Deswegen habe sie sich entschlossen zu gehen.

Hürlimann war nicht die Einzige, die ging. Im Feuilleton hat seit 2015 fast die Hälfte der Redakteure die Zeitung verlassen. Auch drei langjährigen fest angestellten Kulturkorrespondenten, die aus Berlin, Paris und New York berichteten, wurde gekündigt. Ebenso der langjährigen Mitarbeiterin Sieglinde Geisel, die nach dem Führungswechsel in der Redaktion ein "Klima der Angst" und der "vorauseilenden Selbstzensur" erlebt haben will. Als die neuen Chefs Ende Oktober überdies auch noch den im gesamten deutschsprachigen Raum bekannten Redakteur für Geisteswissenschaften Uwe Justus Wenzel entließen, solidarisierten sich renommierte Wissenschaftler mit ihm. Jan-Werner Müller, der deutsche Populismusforscher aus Princeton, Thomas Maissen, der Schweizer Historiker, der das Deutsche Historische Institut in Paris führt, der Religionswissenschaftler Jan Assmann, die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, der Osteuropahistoriker Karl Schlögel und viele mehr schrieben einen Protestbrief an die NZZ- Führung. Sie beklagen darin den "massiven Aderlass" sowie eine "bedenkliche Verschiebung" der Zeitung nach rechts. Sie befürchten, "dass die Horizonte verengt werden, das Niveau sinkt und damit die Strahlkraft der einzigen Schweizer Zeitung von internationaler Bedeutung nachhaltig eingeschränkt wird".

Was ist dran an diesen Vorwürfen? Tatsächlich arbeitet sich die NZZ inzwischen geradezu obsessiv an konservativen Reizthemen ab: an der Geschlechterfrage, an der politischen Korrektheit, am angeblich alles dominierenden sozialdemokratischen Mainstream. Das langweilt, das nervt, das besorgt – auch viele Abonnenten. Besonders irritiert der Schaum vor dem Mund, den einige NZZ-Autoren neuerdings tragen. Das kannte man bisher nur von der Weltwoche und der BaZ. Aber ist im Haus eine "Säuberungswelle" im Gang, wie Brigitte Hürlimann gegenüber der linken Wochenzeitung sagte?

Falkenstraße, dritter Stock. Feuilletonchef René Scheu sitzt in seinem Büro. Im Regal eine Mao-Biografie, ein Buch von Sahra Wagenknecht, auf dem Tischchen eine Abhandlung des Zürcher Philosophen Helmut Holzhey. Auf Italienisch. Daneben liegen Plüschtiere. Der Blick geht raus aufs Opernhaus, am diesigen Dezemberhimmel kreisen Möwen. Eigentlich mag Scheu nicht über sich sprechen. Er ist der erste Ressortleiter in der jüngeren NZZ- Geschichte, der von außen ins Haus kam. Der 43-Jährige hatte die liberale Autorenzeitschrift Schweizer Monat neu ausgerichtet. Von dort nahm Scheu auch einige Autoren mit zur NZZ. Unter ihnen Cora Stephan. Die deutsche Publizistin arbeitet sich in ihren Essays zuweilen polemisch an der Kanzlerin, der deutschen Flüchtlingspolitik und dem Islam ab. Ihr erfolgreichster Text in der NZZ trug den Titel "Kritik ist keine Hetze". Ein Zitat daraus wurde in der rechten Blogosphäre ausführlich geteilt: "Wer den 'Kampf gegen rechts' für wichtiger hält als den Kampf gegen den islamisch inspirierten Terrorismus, hat entweder einen gewaltigen Knick in der Optik oder lebt im vergangenen Jahrhundert."

Will die NZZ mit solchen Texten die rechten Echokammern bedienen? "Das ist für mich Kindergarten-Logik", sagt Scheu. Nur weil die AfD applaudiert, bedeute das noch lange nicht, dass man es auf die AfD-Sympathisanten abgesehen habe. Er kann nicht viel mit der Theorie anfangen, die NZZ habe eine publizistische Lücke rechts von der FAZ ausgemacht und versuche nun, diese zu besetzen. "Das ist ein Hirngespinst. Es geht nicht um links oder rechts, es geht um Qualitätsjournalismus mit Neugierde und freiheitlicher Grundhaltung."

Ohne Plan scheint die NZZ-Führung indes nicht. Die Zeitung hat kürzlich ihr Berliner Büro vergrößert, hat für deutsche Leser ein E-Paper zum Kampfpreis von monatlich zehn Euro lanciert, und Eric Gujer schreibt jeden Freitag seinen Newsletter "Der andere Blick". Aber das große Geld verdient die NZZ damit nicht. Es ist der Fluch des kleinen Markts, der sie zu solchen Expansions-Experimenten treibt: Nach dem gescheiterten Abenteuer in Wien mit dem Nachrichtenportal nzz.at, wo zig Millionen Franken versenkt wurden, nun also der nächste Versuch in Berlin. Dort gibt es mehr zu holen.

Klar, auch René Scheu weiß das. Aber es interessiert ihn nicht: "Während des Schreibens blende ich aus, wer was dazu denken könnte", sagt er. Sowieso irritiert ihn, wie empfindlich die Wissenschaftler und Professoren auf sein Feuilleton reagieren: "Wir schreiben und reden aneinander vorbei. Man ist gekränkt und beleidigt. Es geht immer um die Person, um den Absender."