Das Copesche Gesetz gilt nicht immer. Doch wenigstens Mensch und Pinguin halten sich daran. Woran das festzustellen ist? Im Schnitt werden die Vertreter unserer Spezies im Lauf der Zeit immer größer (und ja: auch dicker). Das sagt jedenfalls die Theorie des US-amerikanischen Paläontologen Edward Drinker Cope. Er stellte im 19. Jahrhundert fest, dass Arten im Lauf der Evolution tendenziell an Körpergröße zulegen. Vor allem dann, wenn keine Fressfeinde ihnen nach dem Leben trachten. Aus diesem Grund entwickelt sich der Mensch seit Generationen mehr und mehr zur festen Über größe.

Gleiches gilt für die Pinguine – allerdings nicht heute, sondern vor sehr langer Zeit. Kurz nachdem die großen Saurier am Ende der Kreidezeit, wohl dank eines Meteoriteneinschlags, von der Bildfläche verschwunden waren, schlug die Stunde der Kleinen. Die flugunfähigen Vögel begannen sich ebenso prächtig zu entwickeln wie die damals maximal rattengroßen Säugetiere (darunter unsere Ahnen!). In wenigen Jahrmillionen wurden aus kleinen Pinguinen stattliche Kreaturen – und das viel schneller als bisher gedacht.

177 Zentimeter groß und 101 Kilogramm schwer ist der Brocken von einem Vogel, den Gerald Mayr, Ornithologe am Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt, jetzt präsentiert. Die bislang unbekannte Riesenpinguinart, die er diese Woche im Fachblatt Nature Communications vorstellt, wurde auf der Südinsel Neuseelands entdeckt. Dort, in der Region Otago, stießen Mayrs Kollegen auf mehr als zehn fossile Knochen eines einzigen Exemplars der neuen Spezies Kumimanu biceae. Für deren Benennung griffen die Forscher auf den Wortschatz der Maori zurück: In der Sprache der Ureinwohner bedeutet manu Vogel, kumi ist das Wort für Monster.

Der "Monstervogel" lebte im späten Paläozän, vor 56 bis 59 Millionen Jahren. Als Mayr die Flügel- und Beinknochen des ausgestorbenen Tiers unter die Lupe nahm, merkte er schnell, dass er es mit einem ungewöhnlichen Fund zu tun hatte. Ein so alter Pinguin von solcher Größe war bislang keinem Paläozoologen untergekommen. Nur ein einziger noch größerer ist bekannt, doch dieser zwei Meter große Pinguinhüne aus der Antarktis hat deutlich später gelebt.

Die neuen Knochen sind nicht nur überraschend alt und für diese zeitliche Periode unwahrscheinlich groß, sie unterscheiden sich zudem stark von den Gebeinen der Riesenpinguine aus erdgeschichtlich jüngeren Epochen und auch von denen heutiger Exemplare. "Wir haben es hier mit einer stammesgeschichtlich sehr ursprünglichen Art zu tun", sagt Mayr.

Besonders fiel ihm ein stark abstehendes Stück an der linken Elle von Kumimanu biceae auf. Dank dieses deutlichen Unterschieds am Unterarmknochen können die Wissenschaftler einen alten Streit nun wohl beenden: Nicht bloß ein Mal entwickelten sich Riesenpinguine aus kleineren Vorgängermodellen, sondern mehrmals. "Riesenwuchs war bereits im frühesten Evolutionsabschnitt dieser Vögel keine Seltenheit", sagt Mayr. Für diese Annahme lieferte der Frankfurter schon im Februar dieses Jahres einen beachtlichen Beleg (siehe Watscheln mit den Dinos, ZEIT Nr. 10/17): Immerhin 150 Zentimeter groß war der Riesenpinguin, der in der neuseeländischen Provinz Canterbury ausgegraben worden war. Auch er überraschte mit seinem unerwarteten Knochenbau; bereits vor 61 Millionen Jahren muss er mit auffallend watschelndem Gang unterwegs gewesen sein.

Bleibt die Frage, warum es heutzutage unter den tollpatschigen Tieren keine Exemplare von vergleichbarer Kragenweite mehr gibt. Der größte Zeitgenosse des Menschen ist der Kaiserpinguin. Er wird gerade mal 120 Zentimeter lang und bleibt außerdem mit seinen bescheidenen 40 Kilogramm Lebendgewicht recht schmalbrüstig im Vergleich zum urgeschichtlichen Hundert-Kilo-Brocken aus Neuseeland.

Auch dafür haben Mayr und seine Kollegen eine Erklärung parat. Als die Dinos und die großen Meeresreptilien am Ende der Kreidezeit aus dem evolutionären Konkurrenzkampf ausgeschieden waren, eroberten die Pinguine zwar schnell die ökologischen Nischen. Dieser Startvorteil war aber irgendwann wieder dahin. Andere Pinguinarten machten ihnen die Nahrungsgründe und Nistplätze streitig. Später tauchten die modernen Meeressäugetiere auf. Robben und Zahnwale beteiligten sich am Wettbewerb. Die Riesenpinguine waren nicht mehr allein auf weiter Flur. Und auch die neuen Räuber lebten nach dem Copeschen Gesetz: Sie wurden größer, immer größer – und sie hatten Appetit auf üppiges, flugunfähiges Geflügel.